Exportiert der Iran kein Kapital?

Exportiert der Iran kein Kapital?

Zum neuimperialistischen Charakter des Iran

Es gibt immer wieder den Einwand, der von den USA und Israel angegriffene Iran sei kein neuimperialistisches Land, da er angeblich kein Kapital exportiere. Wahlweise wird der Iran teils als abhängiges Land betrachtet oder gar als antiimperialistische Kraft glorifiziert.

Von pw
Zum neuimperialistischen Charakter des Iran
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Diese Sichtweise ignoriert jedoch die Realität: Der Iran exportiert sehr wohl Kapital – und zwar aktiv, strategisch und in Milliardenhöhe. Dieser Export wird durch das faschistische Regime, die iranischen Monopole und vor allem den Militärisch-Industriellen-Komplex mit den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) gesteuert.

Kein Kapitalexport?

Die offiziellen Auslandsinvestitionen (Foreign Direct Investment – FDI) des Iran erscheinen mit Werten von meist unter 100 Millionen US-Dollar pro Jahr laut UNCTAD und anderen internationalen Statistiken tatsächlich gering. Aber es gibt im Iran einen massiven privaten Kapitalabfluss – allein 2024 belief er sich auf etwa 20,7 Milliarden US-Dollar, mit Schätzungen für 2025 von bis zu 36 Milliarden US-Dollar. Dabei handelt es sich um Gelder, die teils vor Sanktionen, Währungsabwertung oder dem Zugriff des Staates versteckt werden. Objektiv wird damit aber ebenfalls Kapital exportiert. Besonders nutzt der Iran Krypto-Währungen für den Kapitalexport. Abflüsse ins Ausland aus Krypto-Währungen stiegen 2024 um 70 % auf 4,2 Milliarden US-Dollar.

 

Der Strang der staatlich gesteuerten Kapitalexporte wird von den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) und Monopolen wie Khatam al-Anbiya dominiert. Dieser staatlich orchestrierte Kapitalexport verläuft weitgehend außerhalb offizieller Statistiken über Graumärkte und Schwarzgeldkanäle – Schatten-Flotten, Briefkastenfirmen, »Debt-for-Assets«-Geschäfte und IRGC-dominierte Parallelstrukturen. Hier fließen Milliarden, insbesondere aus iranischen Öleinnahmen, ins Ausland – als strategische Investition in geopolitischen Einfluss, Ressourcenabsicherung und Monopolprofite.

Beispiele: Syrien und Venezuela

Syrien: Zwischen 2011 und dem Sturz Assads Ende 2024 investierte der Iran schätzungsweise 16 bis 50 Milliarden US-Dollar (einschließlich Öl-Lieferungen im Wert von ca. 23 Milliar-den US-Dollar). IRGC-Firmen wie Khatam al-Anbiya übernahmen Projekte in Phosphatminen, Öl- und Gasfeldern, Häfen (Tartus, Latakia), Telekommunikation (Wafa Telecom) und Infrastruktur. Oft ging es dabei um „Debt-for-Assets“: Schulden sollten durch langfristige Konzessionen und Nutzungsrechte (teilweise 50 Jahre) getilgt werden. Nach Assads Sturz gelten große Teile dieser Investitionen als verloren.

 

Venezuela: Die Investitionen beliefen sich auf etwa 4,7 bis 7,8 Milliarden US-Dollar (direkt ca. 4,7 Mrd., indirekt über chinesische Kanäle). Die Schwerpunkte lagen auf Raffinerie-Sanierungen, dem Bau von Tankern, der Petrochemie und Öl-Swaps. Auch hier diente der Kapitalexport dem Umgehen von Sanktionen und dem Aufbau von wirtschaftlichen und militärischen Netzwerken. Nach dem Sturz Maduros 2025/2026 gelten über 2 Milliarden US-Dollar als schwer oder nicht zurückholbar.

 

In beiden Fällen finanzierte der Iran nicht nur verbündete Regime, sondern baute auch wirtschaftliche Kontrollstrukturen auf (Minen, Häfen, Energieinfrastruktur). Der IRGC profitierte direkt: Die Erlöse flossen teilweise in die Finanzierung verbündeter Gruppen (Hisbollah, Hamas, Huthis), in Waffenprogramme und in die Bereicherung der Herrschenden. Die These „kaum (offizieller) Kapitalexport = kein Neuimperialismus“ verwechselt offizielle FDI-Zahlen mit der imperialistischen Realität.

Lenins Analyse

Wladimir Iljitsch Lenin entwickelte in seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ eine dialektisch-materialistische Analyse. Imperialismus ist das monopolistische Stadium des Kapitalismus. Nach Lenin ist der Kapitalexport ein zentrales Merkmal des modernen Imperialismus. Das gilt in Zeiten der Neuorganisation der internationalen Produktion mehr denn je. Und der Iran exportiert Kapital in nicht geringem Umfang.

 

Lenin betont jedoch gleichzeitig, dass Definitionen „nur eine bedingte und relative Bedeutung“ haben. Er warnt vor der mechanischen Anwendung einer Checkliste. Das Monopol, das Wesen des Imperialismus, kann sich in sehr unterschiedlichen Formen äußern: primär ökonomisch-finanziell, aber auch militärisch-territorial oder aber in Mischformen
Ein historisches Beispiel ist das zaristische Russland. Es exportierte praktisch kein Kapital, sondern war ein massiver Kapitalimporteur. Dennoch bezeichnete Lenin es ausdrücklich als imperialistisch. In seiner Schrift „Sozialismus und Krieg” (Juli/August 1915) schreibt Lenin wörtlich: „In Russland fand der kapitalistische Imperialismus moderner Prägung seinen klaren Ausdruck in der Politik des Zarismus gegenüber Persien, der Mandschurei und der Mongolei; im Großen und Ganzen überwiegt jedoch der militärische und feudale Imperialismus.” Die Monopolstellung militärischer Gewalt, eines riesigen Territoriums und die Ausplünderung nicht-großrussischer Völker ersetzten teilweise das Fehlen eines starken eigenen Kapitalexports.

Die Analyse des Iran muss allseitig sein

Neben dem Kapitalexport des Iran muss man auch sehen: Die iranische Wirtschaft ist hochgradig monopolisiert. Über das iranische Monopolkapital verfügt eine kleine, führende Schicht der Herrschenden, bestehend aus religiösen Führern, hochrangigen Militärs sowie Vertretern der Großbourgeoisie und des Großgrundbesitzes. Der Iran hat ausgeprägte staatsmonopolistische Strukturen. Der militärisch-industrielle Komplex kontrolliert große Teile des Wirtschaftslebens. Der Iran ist eng mit den neuimperialistischen Ländern China oder Russland verbündet, ohne deren Vasall zu sein. Er ist mittlerweile Vollmitglied der BRICS. Seine faschistische Diktatur ist fanatisch antikommunistisch. Die iranische Armee ist die zweitstärkste Militärmacht der Region und kontrolliert faschistische militärische Einheiten in vielen Ländern der Region. Sie nimmt massiv Einfluss auf die Politik benachbarter Staaten. Das iranische Regime nimmt mit der Propagierung einer besonders reaktionären Spielart des Islam international weltanschaulichen Einfluss.

Siehe auch: „Warum ist der Iran ein neuimperialistisches Land?”

Natürlich muss man den Angriff der Supermacht USA und des imperialistischen Israel auf den Iran scharf verurteilen. Das darf jedoch nicht dazu verleiten, von der neuimperialistischen und faschistischen Realität des Iran abzusehen oder sich gar auf dessen Seite zu schlagen.