Kritik

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RF-News übernahm zu Mario Adorf eine faschistische Legende

In einem Leserbrief kritisiert eine Leserin die ungenügende Recherche in dem RF-News-Artikel zum Tod von Mario Adorf vom 9. April: Der Artikel beschreibt die beeindruckende Kariere von Mario Adorf und würdigt seine Schauspielkunst und seine Haltung gegen Faschismus. Aber ihr setzt Euch nicht mit Mario Adorf s eigener Kritik an seinem ersten berühmten Film („Nachts, wenn der Teufel kam“) über Bruno Lüdke auseinander.

Leserbrief

Ihr schreibt: „1957 gelang ihm mit der Verkörperung eines geistig behinderten Mörders („Nachts, wenn der Teufel kam“) der Durchbruch in seiner Schauspielkarriere.“ Ihr übernehmt ohne genaue Recherche die Diffamierung Bruno Lüdkes als „geistig behinderten Mörder“. Bruno Lüdke war kein Mörder, kein Teufel, nicht das personifizierte Böse, als das er dargestellt wurde. Er hatte keinen einzigen der ihm zur Last gelegten Morde begangen!

 

Laut seinen Verwandten war er ein freundlicher Mensch. Er war geistig etwas zurückgeblieben, wahrscheinlich aufgrund eines Unfalls in früher Kindheit, unterstützte die Wäscherei seiner Eltern als Kutscher. Wegen kleinerer Diebstählen wurde er polizeibekannt. Die Nazis taten ihm großes Leid an. Im Rahmen des kruden rassistischen „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde er 1940 zwangssterilisiert. „Damit teilte er das Schicksal von rund 400.000 geistig und körperlich behinderten Menschen im Dritten Reich.“¹ Den Nazis kam er gerade recht als Schuldiger, als eine ermordete Frau 1943 in seinem Dorf gefunden wurde. Damit versuchten sie zu beweisen, dass geistig behinderte Menschen Verbrecher und gefährlich seien. Zu Unrecht wurde er beschuldigt, unter Druck gesetzt mit faschistischen Verhörmethoden, manipuliert, bis er schließlich 84 Morde seit 1924 gestand, 53 Morde und drei Mordversuche standen nachher im Protokoll. Ihm wurde nie der Prozess gemacht. Am 8. April 1944 starb er in „Gewahrsam“ im von den Nazis betriebenen Kriminalmedizinischen Zentralinstitut der Sicherheitspolizei in Wien. Die Nazis nutzten ihn als Versuchskaninchen für ihre teuflischen Menschenversuche.²

Erst 2018 wurde Bruno Lüdke rehabilitiert.

Mario Adorf bereute zutiefst, diese Rolle gespielt zu haben und damit Teil der Verteufelung von Bruno Lüdke gewesen zu sein. Adorf sagte, er habe Lüdke durch seine „Darstellung einen jahrzehntelangen Ruf des Verbrechers aufgedrückt“ unter dem die Familie des Mannes noch heute leide.³

 

Nachdem Mario Adorf erfahren hatte, dass Bruno Lüdke unschuldig war, setzte er sich für die Niederlegung eines Stolpersteins beim Bundespräsidialamt ein und nahm gemeinsam mit Frank Walter Steinmeier am 28. August 2021 an der Zeremonie in Köpenick teil.⁴ Der Stolperstein ist ein spätes Zeichen der Gerechtigkeit für Lüdke. Seine Verteufelung durch die Nazis wurde durch den Film und die Legendenbildung lange aufrechterhalten.

 

Der Artikel von Euch ist nicht gründlich recherchiert. Wenn Faschisten einen Menschen als Mörder verfolgen, müssen wir das kritisch untersuchen, vom einem antifaschistischen Standpunkt aus. Mario Adorf ist ein Vorbild in seiner antifaschistischen Haltung. Ohne seinen Einsatz hätte es diesen Stolperstein für Bruno Lüdke niemals gegeben.