Politische Gefangene

Politische Gefangene

"Eva und Ahmed leben!"

Seit Monaten werden die deutsche Journalistin Eva Maria Michelmann und ihr Kollege Ahmed Polad in Syrien vermisst. Nach ihrer Festnahme durch Truppen des neuen syrischen Machthabers Ahmed al Scharaa und mit ihnen verbündeter islamistisch-faschistischer Milizen verlor sich bis jetzt jede Spur.

Von Antonius Michelmann, ANF, ffz
"Eva und Ahmed leben!"
Demonstranten und Demonstrantinnen in Quamishlo fordern die Freilassung von Eva Maria Michelmann, von Ahmed Polad und anderen (foto: ANF)

Die Bundesregierung kommt ihrer Verantwortung für deutsche Staatsbürger bisher nur sehr ungenügend nach. Jetzt gibt es aber offensichtlich eine neue Spur über den Verbleib der beiden politischen Gefangenen: So schreibt Antonius Michelmann, der Bruder der vermissten Eva Maria Michelmann: "Meine Schwester Eva und Ahmed leben, so berichten Zeugen. Sie sitzen im Knast in Aleppo, in inoffizieller 'Verschwindenlassen-Gefangenschaft' durch die syrische Regierung." Das fortschrittliche kurdische Online-Portal ANF berichtet:

"Verschleppte Journalist:innen werden wohl in Aleppo-Gefängnis festgehalten" 

Neue Zeugenaussagen verdichten Hinweise zum Verbleib der im Januar in Raqqa verschleppten Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmed Polad. Demnach werden sie in einem Gefängnis der syrischen Übergangsregierung in Aleppo festgehalten. Im Fall der im Januar verschleppten Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmed Polad (bürgerlich Mehmet Nizam Aslan) verdichten sich die Hinweise auf ihren Aufenthaltsort. Nach neuen Zeugenaussagen sind beide am Leben und sollen in einem Gefängnis im nordsyrischen Aleppo festgehalten werden. Zuerst berichtete die Istanbuler Nachrichtenagentur ETHA.

 

Die beiden Journalist:innen waren am 18. Januar in Raqqa im Zuge der Offensive der syrischen Übergangsregierung gegen die kurdische Selbstverwaltung verschleppt worden. Seitdem fehlte jede Spur von ihnen. Bis heute verweigert die islamistische Führung in Damaskus jede Auskunft über den Verbleib der beiden. Nun berichten mehrere Zeug:innen übereinstimmend, dass sich Michelmann und Polad in einem Gefängnis der Übergangsregierung in Aleppo befinden.

QSD-Kämpfer mit Polad in gemeinsamer Zelle

Besonders konkret ist die Aussage eines Kämpfers der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), der im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigekommen ist. Er berichtet, selbst über mehrere Monate im sogenannten „Allgemeinen Sicherheitszentrum“ in Aleppo festgehalten worden zu sein. Eine Videoaussage dieses Zeugen wurde dem Anwalt der Familie Michelmann, Roland Meister, übermittelt. Der Anwalt will die Aufnahme den deutschen Behörden übergeben. Der Zeuge schildert, dass er am 17. Januar in Dair Hafir in Gefangenschaft geraten und anschließend nach Aleppo gebracht worden sei. Dort seien mehrere hundert Geiseln untergebracht gewesen, getrennt nach Männern und Frauen. Nach Angaben des Zeugen befand sich auch Ahmed Polad in diesem Gefängnis. Der Zeuge kannte ihn bereits zuvor als Journalisten.

Journalist in Raqqa verletzt

Polad sei zunächst längere Zeit in Einzelhaft gehalten worden. Etwa eine Woche bis zehn Tage vor dem Gefangenenaustausch am 11. April sei er zeitweise in die Gemeinschaftszelle gebracht worden. „Ich bin mir hundertprozentig sicher, weil wir zusammen waren“, berichtet der Zeuge dem ETHA-Bericht zufolge. „Er kam, blieb einige Tage bei uns und wurde dann wieder weggebracht.“ Nach seinen Angaben wurde Polad bei den Angriffen in Raqqa verletzt – an der Hand und im Bauch. Er sei jedoch im Krankenhaus behandelt worden und befinde sich aktuell in stabilem Zustand.

Hinweise auf Eva Maria Michelmann

Die Zeugenaussage liefert auch Hinweise auf den Verbleib von Eva Maria Michelmann. Der Zeuge selbst habe sie nicht direkt gesehen, jedoch habe Ahmed Polad berichtet, dass seine Kölner Kollegin ebenfalls in dasselbe Gefängnis gebracht worden sei. Diese Angaben werden durch weitere ehemalige Gefangene gestützt. Mehrere Zeug:innen berichten unabhängig voneinander, von einer „deutschen Journalistin“ im Gefängnis gehört zu haben. Nach Aussagen von weiblichen Geiseln, die kürzlich freigekommen sind, sollen sich noch rund 40 Frauen in dem Gefängnis in Aleppo befinden, darunter eben auch Michelmann.

Berichte über Misshandlungen

Der QSD-Zeuge berichtet zudem von schweren Misshandlungen während der Haft. Gefangene seien geschlagen, beleidigt und teils gezielt ausgehungert worden. Viele Insassen hätten Verletzungen infolge von Folter erlitten. Die Zustände im Gefängnis beschreibt er als systematisch gewaltsam. Die neuen Erkenntnisse erhöhen den Druck auf die syrische Übergangsregierung, sich zum Verbleib der Journalist:innen zu äußern. Bislang gibt es keine offizielle Bestätigung oder Stellungnahme zu ihrer Gefangenschaft."¹

Online-Dokumentation zum Thema

In einer Online-Dokumentation des kurdischen Senders Cira TV vom 13. April mit dem Titel: „Faschistische Gewalt: Wenn Gerechtigkeit ausbleibt" ist Eva Maria Michelmanns Bruder, Antonius Michelmann, ab Minute 2.16 zugeschaltet. Er erklärte unter anderem anfangs: "Es sind mittlerweile 81 Tage, dass meine Schwester ohne jedes Lebenszeichen verschleppt worden ist. Deswegen sind wir natürlich in großer Sorge um ihren Gesundheitszustand und um ihr Leben. Wir sind natürlich aber auch stolz auf sie, dass sie als mutige Journalistin dorthin gegangen ist. Wir haben großes Unverständnis, dass es seitens des Auswärtigen Amts immer noch keine Ergebnisse in Sachen Befreiung meiner Schwester gibt. Und es ist uns auch bewusst, dass wir die Sorge, die wir im Moment um meine Schwester haben, mit einigen 1000 Leuten auch in Rojava teilen. Ahmet Polad, ihr Kollege, wurde ebenfalls verschleppt. Es sind im Rahmen dieser syrischen Offensive einige 1000 Menschen verschleppt worden – alle nach dem Muster meiner Schwester. Das ist sehr, sehr ernst, und wir hoffen, dass wir sie bald wiedersehen."²

Hier die komplette Dokumentation auf Cira TV in deutscher Sprache

Spenden über Solidarität International e. V. (SI) möglich

Solidarität International hat die Möglichkeit eingerichtet, den Kampf für die Freilassung von Eva und Ahmed aus dem syrischen Gefängnis in Aleppo finanziell zu unterstützen: "Wir rufen dazu auf, für die Aufklärung des Verbleibs von Eva und Ahmed zu spenden. Jeder Cent dieser Spenden Fließt direkt in die Suche, Aufklärung und den Kampf für die Freilassung der beiden Journalisten."

 

Spendenstichwort: „FREIHEIT FÜR EVA UND AHMED“

BLZ: 501 900 00 Frankfurter Volksbank

Kontoinhaber: SOLIDARITÄT INTERNATIONAL EV

IBAN: DE86 5019 0000 6100 8005 84"

 

Nach erfolgreichem Abschluss der Kampagne werden ggf. vorhandene ÜBERSCHÜSSE auf Wunsch der Familie von Eva-Maria an das PROJEKT ‚MEDIZINISCHE HILFE FÜR ROJAVA‘ gegeben. Im Jahr 2015 bauten dort internationale Brigadisten ein Gesundheitszentrum, in welchem bereits 50.000 Kinder das Licht der Welt erblickten. 'Dieses Projekt steht für die Zukunft und Hoffnung und die internationale Solidarität, für die auch Eva und Ahmed so sehr brennen', berichtet Rotraut Michelmann, die Mutter von Eva.

 

Die Rote Fahne Redaktion freut sich mit den Angehörigen sehr über diese ersten guten Nachrichten, fordert die Bundesregierung auf, aufgrund dieser neuen Erkenntnisse sofort tätig zu werden und ruft zu weiterer Solidarität mit den politischen Gefangenen des al-Scharaa-Regimes in Syrien auf.