Buchenwald
81. Jahrestag der Selbstbefreiung: „Sorgen wir dafür, dass das ‚Nie Wieder‘ unser täglich Kompass bleibt“
Vor 81 Jahren, am 11. April 1945, befreiten sich die Häftlinge des KZ Buchenwald durch einen militärischen Aufstand selbst. 56.000 Menschen überlebten die Hölle von Buchenwald nicht.
Die 21.000 überlebenden Häftlinge versammelten sich am 19. April 1945 und verlasen den Schwur von Buchenwald in mehreren Sprachen. Sie verpflichteten sich: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“
Am Gedenken dieses Jahr konnten nur noch zwei Überlebende teilnehmen. Es war so politisch wie nie. Denn Krieg und Faschismus sind weltweit auf dem Vormarsch. Gleichzeitig formieren sich Millionen dagegen. In zahlreichen Reden bei verschiedensten Veranstaltungen und hunderten Gesprächen wurde der Wille zum Aufbau einer breiteren antifaschistischen Front bekräftigt – nach dem Vorbild der Buchenwalder Antifaschisten.
Am Vormittag fand eine würdige Veranstaltung der Nachkommen der ehemaligen Häftlinge statt. Sabine Stein, ehemalige Archivarin der Gedenkstätte, legte dort in ihrer Rede anlässlich des 85. Jahrestages der Ankunft sowjetischer Häftlinge am 18. Oktober 1941 dar, wie sich die Solidarität unter den Häftlingen entwickelte: Trotz absoluten Kontaktverbots sammelten die Häftlinge: Viele gaben ihr letztes Stück Brot, ein Stück Stoff, eine Zigarette. Die SS bestrafte das ganze Lager mit einem Tag Essensentzug. Sabine Stein sprach zur illegalen Militärorganisation, die auf Beschluss des illegalen internationalen Lagerkomitees gebildet wurde. Gewehre, Handgranaten, sogar ein Maschinengewehr wurden für den Tag des Aufstands versteckt und am 11. April 1945 für die Selbstbefreiung benutzt. Sie würdigte die führende Rolle der Kommunisten im Lager und zitierte den Katholiken Eugen Kogon: „Das Verdienst der Kommunisten um die Konzentrationslager-Gefangenen ... kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Ohne ihren Kampf ... wäre das Schicksal Zehntausender noch weitaus entsetzlicher gewesen.“
Dort sprach auch Andrè Goldstein, Sohn des Buchenwaldhäftlings Kurt Goldstein, anlässlich des 90. Jahrestages der Bildung der internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg. So wie Kurt Goldstein machten sich aus vielen Ländern Antifaschisten und Kommunisten auf den Weg nach Spanien, um die Republik gegen die Franco-Faschisten (und ihre Unterstützung durch Hitler) zu verteidigen. Die sozialistische Sowjetunion unter Stalin lieferte Waffen.
600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zur Haupt-Kundgebung auf dem ehemaligen Appellplatz am Nachmittag. Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner sagte bei seiner Eröffnung, dass es eine Befreiung „von innen und von außen“ gewesen sei. Der Aufstand wurde angeführt durch „mutige Angehörige des Lagerwiderstandes, vorwiegend Kommunisten“, so Wagner. Das ist bemerkenswert, während jahrelang nur von „Befreiung“ gesprochen und damit der heldenhafte antifaschistische Widerstand und militärische Aufstand der Häftlinge kleingeredet wurde. Müssen wir nicht heute dringender denn je von den Buchenwalder Antifaschisten lernen, wie wir den Widerstand gegen den heutigen Faschismus organisieren?
Die Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD), Lena Carlebach, ist Enkelin des jüdischen kommunistischen Buchenwald-Häftlings Emil Carlebach berichtete von ihrem Großvater, der sich in den letzten Tagen vor der Befreiung mehrere Tage im Block 56 unter den Bodenbrettern verstecken musste. Er überlebte - „nur weil er sich auf die Solidarität seiner Kameraden verlassen konnte“. Sie prangerte die Rechtsentwicklung weltweit an und kritisierte auch den anwesenden Kulturstaatsminister Wolfram Weimer: "Wenn Buchhandlungen ohne weitere Erklärung diskreditiert werden, dann gerät etwas ins Wanken", wofür sie viel Applaus bekam. Sie legte dar, dass solche „Verschiebungen“ den Weg zum Faschismus ebnen und rief dazu auf, sich einzumischen: „Erinnern heißt auch, sich dieser Vergangenheit durch Handeln würdig zu erweisen.“
Die Rede des ultrareaktionären Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, der trotz großer Proteste im Vorfeld die Frechheit besaß, „sich selbst einzuladen“, wie es ein Mitarbeiter der Gedenkstätte im persönlichen Gespräch offenbarte, wurde kaum verstanden. Denn die Nachkommen der Häftlinge stimmten während seiner Rede lautstark das Buchenwald-Lied an und viele sangen aus Protest gegen Weimer mit. Weimer kam nicht umhin, in seiner Rede die Arbeit der „politischen Häftlinge“ zu würdigen, „die 900 Kinder retteten … durch gegenseitige Solidarität und Hilfe“.
Hape Kerkeling sprach über seinen kommunistischen Großvater, der 1933 verhaftet wurde, weil er auf Flugblätter „die Wahrheit geschrieben hat“. Zwölf Jahre seines Lebens verbrachte er in faschistischer Haft. Er kam 1942 nach Buchenwald mit der Häftlingsnummer 6117. Nach der Befreiung 1945 galt er in der BRD weiter als vorbestraft, denn das faschistische Urteil wegen „Hochverrat“ wurde bis zu seinem Tod nicht aufgehoben.
Das „Schwerste für uns als Familie war sein Schweigen“, so Kerkeling, aber: „Ich breche heute dieses Schweigen“! Er zog einen Bogen zu heute und mahnte: „Wer heute behauptet, die Geschichte des Faschismus in Deutschland sei ein abgeschlossenes Kapitel, der hat nicht verstanden, dass die bösen Geister von damals nicht in den Ruinen von Buchenwald geblieben sind. ... Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss. ... Wer heute wegschaut oder jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, macht sich mitschuldig.“
Er endete mit dem eindrücklichen Appell: „Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das ‚nie wieder‘ kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern unser täglicher Kompass bleibt.“