Flugblatt der MLPD Essen-Karnap
Zur Schließung des Verallia-Werkes in Karnap: Das bleibt – trotz alledem!
Für die MLPD Essen-Karnap schreiben Gabi Fechtner und Bodo Urbat an die Kolleginnen und Kollegen der Glashütte von Verallia in Essen-Karnap, deren Werk heute geschlossen wurde:
Liebe Kolleginnen und Kollegen, für euch und eure Familien ist die Werksschließung in Karnap ein harter Einschnitt. Aber das Leben geht weiter und wird uns immer öfter vor die Frage stellen: Kämpfen wir für unsere Arbeiterinteressen oder geben wir klein bei, „weil man eh nichts machen kann“? Deshalb ist es wichtig, auch wenn wir die Stilllegung nicht verhindern konnten, alle Erfahrungen gründlich auszuwerten.
Was ist eigentlich passiert? Verallia hat mit anderen Glaskonzernen wie Weigand über Jahrzehnte Monopolpreise diktiert. Selbstherrlich dachten sie, das geht ewig so weiter. Inzwischen kommen aber immer mehr Player auf den Markt und es gibt viel mehr imperialistische Länder als nur die USA oder Deutschland. So unterboten zum Beispiel Glaskonzerne aus der neuimperialistischen Türkei die Preise und nahmen deutschen Konzernen massenhaft Aufträge, unter anderem von Heineken, ab.
Der Grund ist also nicht eine unabwendbare Krise, sondern die Steigerung der kapitalistischen Ausbeutung, die gnadenlose Jagd nach Maximalprofiten. Aus dem gleichen Grund wurden die Arbeiter bei Verallia über Jahrzehnte ausgebeutet – mit einem üblen 7/3-Tage-Volkcontischicht-Modell, schwerer körperlicher Arbeit, vor allem am heißen Ende bei über 40°. Das alles bedeutete große gesundheitliche Belastung und Einschränkungen für die Familien. Deshalb sind manche froh, aus der „Mühle“ rauszukommen. Aber ähnliche Zustände werden Arbeiter heute überall vorfinden. Diese Steigerung der Ausbeutung ist kein Problem einzelner Manager, eines Konzerns, sondern des ganzen Gesellschaftssystems des Kapitalismus.
- Die Waffe des Streiks wäre ein wirksames Mittel gewesen, um im Kampf um das Werk selbst das Heft in die Hand zu nehmen und in die Offensive zu gehen. Ohne Kampfmaßnahmen konnte die Geschäftsleitung die Initiative behalten und uns mit ihrer Hinhaltetaktik verunsichern.
- Streiken will gelernt sein, der Belegschaft fehlte aber die Erfahrung. Umso wichtiger wäre gewesen, nicht nur über die IGBCE- Führung und einige Betriebsräte zu schimpfen, sondern daran zu arbeiten, dass unsere Gewerkschaft wieder eine Kampforganisation wird. So wie es die Bergarbeiter bei ihrem großen Streik 1997 gemacht haben. Wir brauchen starke Gewerkschaften, um Kampferfahrung zu sammeln, die Kräfte zu bündeln und Selbstbewusstsein zu entwickeln.
- Es war trotz allem nicht so, dass gar kein Kampf stattfand. Neben der Aktion des Vertrauensleutekörpers in Montabaur war es vor allem ein Kampf in den Köpfen der Belegschaft, mit welcher Denkweise man auf den Stilllegungsbeschluss reagiert. Nie gab es so viele kritische Redebeiträge auf Betriebsversammlungen, wie in letzter Zeit. Mit der „Flaschenpost“ („Karnaper Flaschenpost“, Zeitung von Kollegen für Kollegen bei Verallia in Essen-Karnap, Anm. d. RF-Red.) haben sich Arbeiter, auch mit Unterstützung von Leuten der MLPD, ein Sprachrohr geschaffen. Ein Verallia-Kollege schrieb an uns: „Jahrelang hat uns die Flaschenpost und die MLPD begleitet. Dafür bedanken wir uns sehr, weil ihr mehr für uns gemacht habt, als unser Betriebsrat oder die IGBCE. Ihr wart immer an unserer Seite. Die AfD habe ich hier nie gesehen. Dankeschön!“ Auch beim 14-tägigen Verkauf des MLPD-Magazins „Rote Fahne“ gab es zahlreiche Gespräche, die sich um eine Alternative zum Kapitalismus drehten. Diese sieht die MLPD im echten Sozialismus auf der Grundlage einer selbstlosen, solidarischen proletarischen Denkweise.
Natürlich hätte es keine Garantie für eine Verhinderung der Stilllegung gegeben. Karl Marx und Friedrich Engels schrieben schon im „Kommunistischen Manifest“: „Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter.“ Organisation ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Deshalb: Werdet Mitglied in der Arbeiterpartei MLPD! Diese hat auch in Karnap eine Gruppe, ebenso in zahlreichen anderen Essener Stadtteilen und in allen größeren Ruhrgebietsstädten. In einer 3- oder 6-monatigen „Kandidatenzeit“ kann man sich kennenlernen. Über den zeitlichen Einsatz entscheidet jeder selbst, auf Schichten, Familien usw. wird Rücksicht genommen.
An dieser Stelle gilt es auch, Danke zu sagen, für die Arbeit der Belegschaft: Über Jahrzehnte habt ihr Flaschen für die Bevölkerung hergestellt, ein Alltagsprodukt, das uns alle begleitet. Ihr habt für gute Qualität gesorgt, die Formen geschmiert und beim Wechsel 60 Kilo gewuchtet, die Wanne und Maschinen gewartet, Brände gelöscht und Fehler korrigiert, die Qualität und Sicherheit kontrolliert und überwacht, verpackt und die Produktivität gesteigert. Dass jetzt in provokativer Zerstörung der von den Arbeitern geschaffenen Werte die Wanne kalt gefahren werden soll, zeigt, zu welcher Kapitalvernichtung der Kapitalismus drängt. Von wegen „Fortschritt“!
Die internationalen Konzerne und ihre Regierungen reden ständig von „Transformation“, so als ob uns nur eine friedliche Übergangsperiode bevorsteht, in der wir ein paar Opfer bringen sollen. In Wirklichkeit zieht der Imperialismus eine Spur der Verwüstung rund um den Globus, die mit zerstörerischen Krisen, Ausbeutung und Armut, akuter Weltkriegsgefahr, Faschismus und einer globalen Umweltkatastrophe die Existenz der Menschheit infrage stellt.
Bleiben wir in Verbindung! Wie schon „Kollege KI“ zum Ende der Wanne 1 dichtete: „Die Wanne 1 am heißen End macht dicht, doch unsere Freundschaft vergeht nicht … Was wir schufen, bleibt bestehen …“
Alles Gute und Glückauf!
Gabi Fechtner und Bodo Urbat