Chemieindustrie
„Krisengerechter Abschluss“ oder fauler Kompromiss?
Von März bis Ende des Jahres Null, ab Januar 2027 2,1 Prozent und ein Jahr später 2,4 Prozent. Betriebe, denen es wirtschaftlich gut ginge, könnten die Tariferhöhungen jeweils um drei Monate vorziehen. So sieht die Einigung des IGBCE-Vorstandes mit dem Chemie-Verband zur Lohnerhöhung für die 585.000 Beschäftigten der Chemie- und Pharmaindustrie aus.
„Es handelt sich um einen 'Krisen-Abschluss', für den man bis an die Schmerzgrenze gegangen sei, urteilte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis.“¹ Die Schmerzgrenze dürfte aber für die meisten Arbeiter weit überschritten sein. Denn angesichts der steigenden Inflation, als Folge des Irankrieges und der Spekulation auf weiter steigende Profite seitens des Monopolkapitals bedeutet dies Reallohnabbau. Die „Kaufkraftsicherung“, wie es die Gewerkschaftsführung verkaufen will, nimmt ihr kaum ein Kollege ab.
Prio für „Beschäftigungssicherung“?
Deshalb rückt die IGBCE-Spitze die „Beschäftigungssicherung“ ins Zentrum ihrer Rechtfertigung. Dafür sollen pro Person in diesem und im nächsten Jahr 300 Euro in einen „tariflichen Demografiefonds“ fließen. Damit sollen „Projekte zur Standortsicherung, Umqualifizierung oder Beratung finanziert werden“. Damit lasse sich „beispielsweise eine Vier-Tage-Woche im rentennahen Alter finanzieren“.¹ Selbst die Stuttgarter Zeitung kommentierte: „Ob der neuartige Beschäftigungssicherungsbeitrag am Ende das hält, was er verspricht, ist noch unklar. (Denn) die Beträge, die da in den betrieblichen Töpfen gesammelt werden,(seien) zu überschaubar, um damit Stellenabbau zu verhindern. Sodann werden kaum Vorgaben zur Verwendung gemacht“.²
Natürlich weiß auch der IGBCE-Vorstand, dass ihm das wahrscheinliche Platzen des Luftballons der „Beschäftigungssicherung“ von der Gewerkschaftsbasis noch vorgehalten werden kann. Deshalb baut er bereits vor, wenn er sagt: „Mit diesem Tarifergebnis gehen die Beschäftigten in Vorleistung – für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze und für mehr Investitionen in Deutschland. Jetzt müssen auch andere liefern“, und meint damit den Chemieverband und die Bundesregierung.
Die Arbeiter bringen aber ständig Vorleistungen in Form ihrer Arbeit, für die sie heute lediglich acht Prozent vom Industrieumsatz an Lohnanteil erhalten. Dass sie dann nochmals Vorleistungen für die Illusion einer „Beschäftigungssicherung“ bringen sollen, kann ja wohl nicht wahr sein!
Matthias Bürk, Verhandlungsführer vom Chemie-Verband BAVC, betont die „krisengerechten Konditionen“ des Tarifabschlusses: „Die lange Laufzeit von 27 Monaten gebe ihnen Planungssicherheit“ – nicht jedoch den Kolleginnen und Kollegen. Auch die geforderte Lohnerhöhungs-„Atempause“ sieht er zumindest für dieses Jahr erfüllt.³
Aber wir halten nicht still und verzichten für diesen Krieg – für den vollen Einsatz der gewerkschaftlichen Kampfkraft um kräftige Lohnerhöhungen, um jeden Arbeitsplatz, gegen Aufrüstung und Vorbereitung eines Weltkrieges!