Leipzig
Wolfram Weimer sagt Messerundgang ab
Ein Rundgang auf der Leipziger Buchmesse, Fernsehinterviews vor den Neuerscheinungen, ein Besuch bei einem oder mehreren der internationalen Messestände, womöglich noch ein Smalltalk auf dem Blauen Sofa - welch Labsal für jede Politikerseele. Jahr für Jahr mannigfach genutzt.
Und heuer? Ausgerechnet der Kulturstaatsminister, Wolfram Weimer, hat den traditionellen Rundgang auf der Leipziger Buchmesse abgesagt. In einer Mitteilung seiner Behörde wird zur Begründung auf eine Debatte im Bundestag verwiesen. Nicht abgesagt hat er die Teilnahme an einer Diskussionsveranstaltung am Donnerstag in der Nationalbibliothek. Dort wird er von einer Protestkundgebung gebührend empfangen werden (Pressemitteilung der MLPD Elbe-Saale).
„Warum lädt die Leipziger Messe so einen Mann dann auch noch ein, zur Messeeröffnung salbungsvolle Worte zu sprechen?“, fragte sich Prof. Dr. Alfonso de Toro. Er ist emeritierter Romanistik-Professor, kein Offizieller von Messe und Stadt Leipzig. Aber er tat, was diese sich nicht trauen oder es nicht tun wollem: Er lädt Weimer aus. In einem Offenen Brief schreibt er:
Herr Staatsminister für Kultur und Medien, Dr. Wolfram Weimer
Sie sind ausgeladen!
Nachdem Sie sich vorgenommen haben, gerade die kritische, weltoffene und diverse Kultur in unserem Land mit Sanktionen zu belegen und zeitweilig kleine Verlage mit dem Einsatz des BND zu verfolgen und sie nach Ihrer konservativen, rechten und populistischen Ideologie zu knebeln und zu drangsalieren, können Sie sich die Dreistigkeit nicht erlauben, die Leipziger Buchmesse 2026 mit zu eröffnen, ganz besonders nicht, wenn Sie gerade den dringenden und bereits genehmigten Erweiterungsbau der Nationalbibliothek in Leipzig mit verheerenden Folgen, die deren Zukunft auch massiv gefährden, mit einem willkürlichen Veto gestoppt haben.
Sie, Herr Staatsminister, passen nicht zu einer vorbildlich toleranten und vielfältigen Stadt wie Leipzig, die ein Herz für Minderheiten und kleine kulturelle Akteure und Gruppen jeglicher Couleur und Respekt vor allen Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt hat.
Wenn Sie ein Mindestmaß an Schamgefühl haben, bleiben Sie bitte fern von Leipzig am 18.03.2026. Es ist mir völlig unverständlich, dass die Leitung der Buchmesse Leipzig und des Börsenvereins – bei allen verständlichen politischen Zwängen muss man sich aber gerade in unseren turbulenten Zeiten klar positionieren – zugelassen haben, dass Sie zu diesem Anlass das Wort ergreifen dürfen.
Ich lade Sie aber aus!
Prof. Dr. Alfonso de Toro (Leipzig)"
Ultrareaktionär Ulf Poschardt hatte Weimer erst kürzlich gefeiert: „Endlich wagt Wolfram Weimer den Kampf gegen das linke Kultur-Establishment.“ Jetzt kriegt der ausgemachte Antikommunist und faschistoide Kulturpolitiker doch einige Steine seinen Siegeszug gegen fortschrittliche Kultur in den Weg gelegt. Auf der Berlinale kann er sich schon nicht mehr blicken lassen, auf die Buchmesse zwischen alle die Besucher aus Nah und Fern traut er sich schon selber nicht mehr ... Heute Abend soll er im Gewandhaus zu Leipzig der Eröffnung der Buchmesse beiwohnen. Man darf gespannt sein ...