Wetten auf Gewinnerwartungen

Wetten auf Gewinnerwartungen

Wie funktioniert die Spekulation mit Rohöl?

Rohöl wird vor allem an spezialisierten Terminbörsen gehandelt. Dort wird deutlich häufiger Öl ge- und verkauft, als es physisch verbraucht oder gefördert wird.

Die Kluft zwischen diesem spekulativen Handel und der tatsächlichen physischen Lieferung ist extrem hoch. Das tägliche Handelsvolumen an den Börsen übersteigt die physische Weltproduktion oft um das 25- bis 30-fache. Wenn man alle Derivate und außerbörslichen Geschäfte einbezieht, sogar um das 60-fache.

 

Während weltweit also täglich etwa 100 bis 104 Millionen Barrel Rohöl gefördert und verbraucht werden, werden an den Börsen täglich Milliarden von „virtuellen Barrel“ in Form von Kontrakten bewegt. D.h. die tatsächlich verkaufte Menge wird bis zu 60 Mal an der Börse verkauft und gekauft, wobei fast immer der Preis steigt, bis das Öl tatsächlich physisch beim letzten Käufer landet.

 

Die Preise für Benzin und Diesel an der Tankstelle orientieren sich zudem nicht an dem Preis, für den das Rohöl gekauft wurde, sondern an den aktuellen Endpreisen für Rohöl an den Börsen - egal wieviel Reserven bereit liegen, die zu günstigeren Preisen erworben wurden. Da an der Börse mit den zukünftigen Gewinnerwartungen spekuliert wird, werden die Preise dort oft schon – zusätzlich zu den „normalen“ Preistreibereien - bei geopolitischen Spannungen hochgetrieben, lange bevor eine tatsächliche Ölknappheit eintritt.

 

Wer sind die Spekulanten? Das sind erstens große Handelsmonopole, die als die „unsichtbaren Giganten“ des Ölmarktes gelten. Sie kaufen, verkaufen, lagern und verschiffen physisches Öl, nutzen aber in extremem Umfang die Terminbörsen zur Profitmaximierung. Zweitens spekulieren darauf spezialisierte Hedgefonds, die physisch keinen Tropfen Öl besitzen. Sie spekulieren auf die Ausnutzung von Preisbewegungen und heizen sie dadurch an. Drittens sind Investmentbanken an den Spekulationen beteiligt. Sie agieren sowohl für Kunden (in der Regel große Konzerne) als auch auf eigene Rechnung. Viertens sind die großen Ölmonopole heute selbst ihre größten Spekulanten. Firmen wie BP, Shell und TotalEnergies haben eigene Handelsabteilungen, die wie Hedgefonds agieren. Sie spekulieren mit Informationen über ihre eigenen Förder- und Raffineriemengen – über die sie eher als andere Bescheid wissen.

 

Das trägt einen bedeutenden Teil zum Milliardengewinn der Konzerne bei, gerade dann, wenn die Ölförderung bzw. der -handel stagniert oder droht zurückzugehen.