Studie veröffentlicht
Jahrzehntelanges Martyrium für die Opfer - die Missbrauchsfälle im katholischen Erzbistum Paderborn
Auf 730 Seiten untersuchten Forscherinnen und Forscher der Universität Paderborn die Missbrauchsfälle im Erzbistum in den Jahren 1941-2002 und übereichten sie auf einer Pressekonferenz am 13. März 2026 dem seit zwei Jahren amtierenden Erzbischof Udo Markus Bentz.
Ohne die Hartnäckigkeit der Betroffeneninitiativen wären solche Studien vielleicht nie zustande gekommen. So saß auch einer ihrer Sprecher, Reinhold Harnisch, auf dem Podium. Untersucht wurden in der Studie die sexuellen Missbrauchstaten von 210 Klerikern, begangen an 489 Kindern und Jugendlichen. Bisher hatte die Deutsche Bischofskonferenz für das Bistum Paderborn 111 Kleriker und 197 sexuelle Missbrauchsopfer angenommen. Die neuen Zahlen sind doppelt so hoch. Was der zweite Teil der Studie, der 2027 erscheint, für die Jahre 2002 bis 2022 aufdeckt, ist ungewiss.
"Diese Zahlen sind stark zu korrigieren", sagt die Historikerin und Mitautorin der Studie Nicole Priesching. Es müsse von einem Dunkelfeld ausgegangen werden, "über dessen Ausmaß man nur spekulieren kann." Die Studie spricht von "Vertuschungsspiralen" in der katholischen Kirche. Die Aufarbeitung stehe erst am Anfang.
Diese massenhaften Verbrechen haben viele Gesichter und Ebenen. Das pure Ausmaß, die Tatsache, dass die Täter weitgehend straflos davonkamem und von ihren Oberen gedeckt wurden, zeigt ein ganzes System an Verbrechen, nicht nur eine zufällige Ansammlung schwarzer Schafe in diesem Erzbistum. Die Opfer sahen sich einem finsteren Dreiklang aus Missbrauch, Vertuschung und Zwang ausgesetzt. "Beschuldigte Kleriker, Bistumsmitglieder und Erzbischöfe hätten demnach Einfluss auf Betroffene und ihre Angehörigen genommen, damit diese auf Anzeigen verzichteten. Unter anderem seien Pfarrer davon ausgegangen, dass 'stillschweigend von ihnen erwartet wurde, ebenfalls Druck auf Betroffene auszuüben'", heißt es in der Studie.
Die Opfer und ihre Angehörigen erlitten ein jahrzehntelanges Martyrium, ihnen wurde jede Glaubwürdigkeit abgesprochen und sie blieben den "seelsorgenden" Priestern ausgeliefert, die den Missbrauch begingen. Sie blieben auch jahrzehntelang mit ihrer seelischen Not alleine. Damit nicht genug. Diese Verbrechen reichen bis in die höchste Ebene der Katholischen Kirche. Kardinäle sind die höchsten Würdenträger nach dem Papst und alleine zur Papstwahl berechtigt. Es sind Machtpositionen. Das Erzbistum Paderborn umfasst eine Fläche von 14.745 qkm mit 4,8 Millionen Einwohnern. Davon sind 1,4 Millionen Katholiken in 19 Dekanaten und 657 Pfarreien.
Die aktuelle Studie fokussiert sich auf die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger (1892 - 1975) und Johannes Joachim Degenhardt (1926 - 2002), Vorgänger des derzeitigen Erzbischofs Bentz. Ihnen wurde eine grosse Milde gegenüber den schuldig gewordenen Priestern, aber kein Verständnis gegenüber den Opfern bescheinigt. Auch der Staat trägt seine Verantwortung an diesem unheilvollen System. "In Wirklichkeit verschafften die herrschenden Kreise im westlichen Nachkriegsdeutschland mit dem Grundgesetz den Kirchen ein weitgehendes "religionsgemeinschaftliches Selbstbestimmungsrecht" mit Verfassungsrang." (1) Es gestattete den Kirchen eine eigene innerkirchliche Gerichtsbarkeit, ein eigenes Arbeitsrecht mit eingeschränktem Betriebsverfassungsgesetz, eine eigene Bildungsarbeit usw.. Alles bestens geeignet, schwarze Schafe in der Masse der klerikalen Herde verschwinden zu lassen.
Die Krise der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur
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Diese Srraftaten müssen restlos aufgedeckt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, nach dem Strafrecht und nicht nur nach Kirchenrecht. Die vollständige Trennung von Kirche und Staat, die Lenin schon 1905 forderte, ist auch heute noch eine wichtige bürgerlich-demokratische Forderung. 4,5 Millionen Euro Entschädigung hat das Bistum Paderborn an etwa 130 betroffene Personen bezahlt seit 2021. Geld heilt keine Seelen. Die Betroffenen brauchen die vollständige Rehabilitierung und jede erdenkliche Hilfe, wie Therapieplätze.