Leipzig
Das macht uns keiner nach: Kulturvolle Buchlesung auf dem Gehweg vor dem "Haus der Demokratie"
Auf der Leipziger Buchmesse herrscht meist eine fröhliche Stimmung, bedingt durch die vielen Jugendlichen, die kreativen Kostümierungen der Cosplayer, die internationalen Aussteller und Besucher, die Begegnungen, die Ausstellung der schönsten Bücher, das Musik-Café und vieles andere mehr.
Dabei bleiben die Krisen und Kriege der kapitalistischen Welt nicht außen vor, es gibt zahlreiche politische Neuerscheinungen und Veranstaltungen. Dieses Jahr aber weht ein ganz besonders frischer Wind durch die Messehallen: Ein Wind der Kritik, des Widerstands und des Spotts über Kulturstaatsminister Weimer. Kein Stand, keine Veranstaltung, wo man sich nicht über seinen Kulturkampf von rechts empört und seine unsäglichen Aktionen durch den Kakao zieht. Gerade hat zum Beispiel der Literaturkritiker Denis Scheck ein neues Buch namens "Meinungsfreiheit" vorgestellt. Darin legt ein studierter Jurist dar, für welche Politikerbeleidigungen welche Strafen drohen. Man dürfe zum Beispiel Regierungsmitglieder nicht mal mehr Schwachkopf oder Simpl titulieren. Das seien doch noch die harmlosesten Begriffe für Wolfram Weimer ... Großes Gelächter und Applaus. Sogar der Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels stellt sich gegen Weimer und organisiert eine alternative Preisverleihung für die drei linken Buchhandlungen, die Weimer vom Buchhandelspreis ausgeschlossen hat. Aber man nimmt die Gefahr des faschistoiden Regierungsvertreter zu Recht auch ernst, viele fordern seinen Rücktritt, der Verlag Neuer Weg bekam und bekommt viel Zustimmung zu seiner Solidaritätserklärung mit den inkriminierten Buchhandlungen.
Die wachsende weltweite Bewegung gegen Faschismus und Rechtsentwicklung und der Geist der Völkerfreundschaft gegen Spaltung und Hetze ist deutlich spürbar. Ein Erfolg der Proteste der vergangenen Jahre ist es, dass keine faschistischen Verlage mehr hier auftreten. Allerdings heißt es, wachsam zu bleiben: Diese Menschenverächter planen für November eine eigene faschistische Buchmesse in Halle, wo schon dazu aufgerufen wird, diese zu verhindern. Die positive fortschrittliche Strömung liegt auch auf der Leipziger Buchmesse im Widerstreit mit Rechtsentwicklung und Reaktion. So gab es beim Leipziger Buchpreis in der Kategorie Sachbuch ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen einem fortschrittlichen Werk über die Flucht vor Hitler durch Südosteuropa und einem Buch "Landschaft ohne Zeugen von Ines Geipel. Buchenwald und der Riss der Erinnerung". Dieses attackiert den kommunistischen Widerstand in Hitlers KZ Buchenwald, setzt ihn mit den faschistischen Tätern gleich und wendet sich gegen das ehrende Gedenken der Antifaschisten und Kommunisten von Buchenwald. Sehr erfreulich: Dieses Buch ging bei der Preisverleihung leer aus.
Der antikommunistischen Raumabsage einen Strich durch die Rechnung gemacht
Wir berichteten gestern über den hanebüchenen Vorgang: Ganz kurzfristig und mit aus der Luft gegriffenem Vorwand entzog das "Haus der Demokratie" in Connewitz dem Verlag Neuer Weg den längst gebuchten und bestätigten Veranstaltungsraum für die Buchlesung mit Lisa Gärtner, die das Buch "Die Krise der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur" vorstellte. Die Veranstaltung war im Rahmen des großen Lesefests "Leipzig liest" geplant und angekündigt. Selbst gestern stand die Ankündigung noch auf den Webseiten. Die Gesprächspartnerin des VNW von "Leipzig liest" war empört und versuchte mit allen Kräften, noch eine Alternative zu organisieren. Wer hatte bei dieser Absage seine Finger im Spiel? Herr Weimer selbst? Noch weiß man es nicht ... Jedenfalls war es ein Bärendienst für das "Haus der Demokratie" - Medienleute riefen bei der Leiterin an, Messevertreter: "Was ist denn da los? Eine fortschrittliche Buchlesung vom Lesefest ausschließen? Nicht möglich!"
Wer die antikommunistische Attacke zu verantworten hat, kennt den Verlag Neuer Weg und seine Freundinnen und Freunde schlecht. Binnen kürzester Zeit und das auch noch bei hereinbrechendem Sauwetter stand die Veranstaltungs-Infrastruktur auf dem Gehweg vor dem Haus der Demokratie: Pavillons waren aufgebaut, Rednerpult und Sitzgelegenheiten, Kaffee und Tee und belegte Semmeln gab's, die in der Nähe wohnenden Freunde brachten Decken mit gegen die Kälte, der VNW baute einen reichhaltigen Büchertisch auf ... 40 neugierige Besucherinnen und Besucher fanden Platz, ebensoviele wie bei der Buchvorstellung, die der VNW am Vortag in der Halle 5 der Messe durchgeführt hatte. Nachbarn kamen vorbei, Besucher des benachbarten Kinos steckten ihre Köpfe herein. Der Schuss ging nach hinten los, Herr Weimer oder wer immer es war! Für den Verlag Neuer Weg, für das vorgestellte Buch und die fortschrittliche antifaschistische Kultur ein voller Erfolg!
Lebendiger Vortrag und lebhafte Diskussion
Die Referentin Lisa Gärtner aus Gelsenkirchen spannte den Bogen zwischen dem im Buch behandelten Thema Kultur und der gestern Abend auf dem Gehweg praktizierten Kultur: "Als das Buch 'Die Krise der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur' geschrieben wurde, gab es im Vorfeld schon eine Diskussion - was ist eigentlich Kultur? Wir gebrauchen Kultur im Sinne von Karl Marx, Kultur berührt alle Lebensfragen, das Zusammenleben der Menschen, wie sie miteinander umgehen, die Sprache, die Wohnkultur, das ganze Leben, keineswegs nur die schönsten Konzerte und Gedichte, wobei die natürlich auch wichtig sind. Aber uns geht es um die Kultur, in der Massen die Hauptrolle spielen und nicht einzelne Stars!" Die Organisation dieser Veranstaltung hier ist ein hervorragendes Beispiel einer fortschrittlichen solidarischen Kultur und einer Kultur des Widerstands gegen Repression und Antikommunismus.
Warum gerade jetzt ein solches Buch über Weltanschauung, wo die Welt in größter Unruhe ist, die Menschen unter fürchterlichen Kriegen leiden und die Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik und ihren Politikern riesengroß ist? "Die Arbeiter, die Massen, wollen nicht in der kapitalistischen Barbarei untergehen. Aber sie sind mit der bürgerlichen Weltanschauung noch nicht richtig fertig. So kann sie auf die Denkweise der Menschen Einfluss nehmen, obwohl sie in der Krise ist. Da passiert es zum Teil, dass skeptische Gefühle und Gedanken aufkommen und die verbreitete Kritik an der herrschenden Politik negativ geführt wird." Deshalb müssen wir uns mit der Krise der bürgerlichen Ideologie in allen Lebensbereichen auseinandersetzen - der weltanschauliche Kampf ist ein Vorgefecht für den gesellschaftsverändernden Klassenkampf für eine Gesellschaftsordnung, in der Mensch und Natur im Mittelpunkt stehen.
In der lebhaften Diskussion ging es um unterschiedlichste Fragen, von der Beurteilung der Leipziger Buchmesse über die Künstliche "Intelligenz" und wie man sie sich zunutze macht, warum junge Leute durchaus Jura studieren sollen, aber kritisch, wie man als Akademikerin sich mit der Arbeiterklasse verbinden kann und vieles mehr. Das größte Interesse galt dem echten Sozialismus. Bereits bei der Buchlesung am Freitag mit Jörg Weidemann und jetzt wieder wird die Frage aufgeworfen: Wie kann man Meinungsvielfalt gewährleisten, wenn doch die bürgerliche Ideologie eine falsche Meinung ist? In einer sozialistischen Gesellschaft wird und muss es für die Massen breiteste Demokratie geben, Austausch, Diskussion, Kritik, Problemlösung durch die Massen. Da wird zum Beispiel Stadtentwicklung geplant und kritisch diskutiert, welches Großprojekt man wirklich braucht und wie es in Einheit mit der Natur verwirklicht werden kann. Da wird es massenhafte Überzeugungsarbeit geben, das freie Denken wird um sich greifen. Unterdrückt werden unter der Diktatur des Proletariats Bestrebungen, die den Kapitalismus wiederherstellen wollen.
Erstes Resümee vom Verlag Neuer Weg
Elvira Dürr, verantwortlich für den Messeauftritt des Verlag Neuer Weg, zieht eine erste Bilanz: "Wir hatten so viel Unterstützung wie noch nie von freiwilligen Helferinnen und Helfern, die sich eigens dafür gemeldet haben, zum Beispiel ein junger REBELL aus Leipzig, der das lernen will, wie man für die Bücher wirbt, neue Fragen beantwortet, Jugendliche anspricht und vieles andere mehr. Wir haben gut verkauft, wirklich aus dem ganzen Sortiment, ganz besonders die Bücher aus der Reihe Revolutionärer Weg, und zwar aus der gesamten Reihe, nicht nur die neuesten. Ein junger Mann kaufte gleich fünf Stück davon und überlegt, ein Abo für den Revolutionären Weg abzuschließen. Im Moment sind wir dabei, das gesteckte Verkaufsziel zu erreichen. Sehr schön war auch die freundschaftliche Atmosphäre hier unter uns Standnachbarn. Heute früh haben sie uns beglückwünscht, dass wir das mit der Buchlesung gestern hingekriegt haben. Alle Achtung, sagten viele. Es ist unter den linken Verlagen Bereitschaft da, in der Bewegung "Gib Antikommunismus keine Chance" zusammenzuarbeiten. Wir haben auch etliche Unterschriften gesammelt."