"Kritischer Antikommunismus"
Zum Tod von Jürgen Habermas
Nichts weniger als der weltweit größte noch lebende Philosoph war er für die bürgerlichen Feuilletons bis vor Kurzem. "Großer Aufklärer", "Universeller Denker", "Sturmvogel" - Jürgen Habermas. Am 14. März ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.
In jungen Jahren wandte er sich gegen die beabsichtigte atomare Aufrüstung der BRD, gegen die Adenauer-Reaktion und gegen die Rehabilitierung alter Nazis. Er las Schriften von Karl Marx und entwickelte sich zum Kapitalismuskritiker. Aber er erfand schon damals den demagogischen Begriff vom "linken Faschismus" und "warnte" damit Rudi Dutschke und die Studentenbewegung. Später distanzierte er sich immerhin von dem Begriff. Er nahm Stellung gegen den Abbau bürgerlich-demokratischer Rechte und die Faschisierung des Staatsapparats. Im sogenannten Historikerstreit 1986 wandte er sich richtigerweise gegen Ernst Nolte, der den Hitlerfaschismus verharmlosen und seine Anhänger reinwaschen wollte.
Den CSU-Oberen in Bayern war Habermas ein rotes Tuch und sie verweigerten ihm eine Honorarprofessur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Franz Josef Strauß bezeichnete ihn als "Feuervogel der Kulturrevolution“. In ihrer Blindheit hatten sie verschlafen, dass Habermas längst zum Ideologen des modernen Antikommunismus heranreifte und in dieser Rolle für die herrschende Bourgeoisie äußerst wertvoll zu werden versprach. Die sogenannte Frankfurter Schule, zu deren "zweiter Generation" Habermas gehörte, schuf weltanschauliche Grundlagen für den modernen Antikommunismus. Diese Institution, mit staatlichen Fördergeldern großzügigst bedacht, hat ja den Nimbus, den Marxismus "modern" weiterentwickelt zu haben. Stattdessen attackierte sie und mit ihr Habermas den Marxismus und auch den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion vor 1956. Im Revolutionären Weg 36 "Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus" wird Paul Piccone zitiert, ein amerikanischer Anhänger der "Kritischen Theorie". Ihre historische Funktion habe darin bestanden, "dem Marxismus ein anständiges Begräbnis zu bereiten." (Seite 73)
Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus
Stefan Engel
220 Seiten | ab 12,99 €
Und für einen solchen antikommunistischen "Denker" füllen jetzt seit Tagen die großen deutschen Zeitungen Seite um Seite mit wohltönenden Nachrufen. Wie krisenhaft ist es um die heutige bürgerliche Ideologie bestellt, wenn ein Jürgen Habermas als ihr genialer philosophischer Repräsentant gilt!
Habermas attackierte den Marxismus: "Die Marxsche Arbeitswertlehre ist überholt. Wissenschaft und Technik sind zur ersten Produktivkraft geworden. ... Marxsche Schlüsselkategorien wie Klassenkampf und Ideologie lassen sich nicht mehr umstandslos anwenden.“ Dies zitierte die Wochenzeitung Zeit vor 55 Jahren 1970. Damit wurde er zu einem Vordenker des modernen Antikommunismus: Sich kritisch zum Kapitalismus äußern, um in Wirklichkeit für seinen Erhalt einzutreten. Heute erklärt der sogenannte Postmodernismus den Klassenkampf für überholt, negiert die führende Rolle der Arbeiterklasse und letztlich deren Existenz überhaupt.
Zu Habermas' Verdiensten für die herrschende Bourgeoisie gehört es, dass er dazu beitrug, die kleinbürgerliche Protestbewegung der 1960er-Jahre in die Bahnen der bürgerlichen Demokratie zu kanalisieren: "Wenn heute in Deutschland unter linken Intellektuellen das parlamentarisch-demokratische System stärker akzeptiert ist, als in den meisten westeuropäischen Ländern, so verdankt sich das auch dem Sog seiner Autorität."
Sein philosophischer Idealismus hielt ihn in den 1990er-Jahren keineswegs davon ab, ganz praktisch-politisch den imperialistischen Nato-Krieg in Jugoslawien zu unterstützen. Seither war er offener Apologet eines starken europäischen Imperialismus, redete der Unterstützung der Ukraine mit Waffen das Wort und beteiligte sich in den letzten Jahren daran, den Völkermord am palästinensischen Volk zu rechtfertigen und die Antisemitismuskeule gegen Menschen zu schwingen, die solidarisch an der Seite des palästinensischen Befreiungskampfs stehen.
Jede Klasse hat die Ideologen, die sie verdient.