Im Ruhrgebiet
Georg und die Spritpreise
Heut hab’ ich ne Wut im Bauch. Komm von der Tanke. Zwei Euro 17 für n’ Liter Diesel. Dabei haben wir den gekauft, weil der Diesel doch billiger ist als Benzin. Konnt’s mir nicht verkneifen, dem Tankwart ein Paar Worte mitzugeben.
„Das ist mal wieder typisch,“ mischt sich meine Frau ein. „Der Schwächste und Letzte in der Kette bekommt das Fett ab. Der kann doch nichts dafür. Die Preise machen die Mineralölkonzerne.“ „Stimmt nicht,“ sach ich, „da hat einer, der von Wirtschaft was versteht, heute morgen im Fernsehen gesagt, dass die Preise von dem Angebot und der Nachfrage gemacht werden. Und weil das Öl jetzt knapper wird, steigen die Preise.“
„Du glaubst auch alles, was im Fernsehen kommt. Woher kommt es dann, dass die Preise in Deutschland höher steigen als in manch andern europäischen Ländern?“ Darauf kann ich mir keinen Reim machen. „Hör dir mal an, was der Sprecher des Tankstellen-Interessenverbands sagt. Die Mineralölkonzerne haben das Öl für Benzin und Diesel, was sie heute verkaufen, zum halben Preis eingekauft und schon wochenlang gebunkert. Er meint, das sei Raubtierkapitalismus wie im 19. Jahrhundert und hätte nichts mit sozialer Marktwirtschaft zu tun. Recht hat er, dass die Mineralölkonzerne ihre Monopolstellung zu ausnutzen, um mit Raubpreisen uns Autofahrer abzuzocken. Allerdings machen das die andern Großen auch.
Wo er sich allerdings irrt, ist das mit der sozialen Marktwirtschaft. Marktwirtschaft ist nichts anderes als ein Euphemismus für Kapitalismus. Und ein ‚sozialer Kapitalismus‘ ist ein Oxymoron.“ „Jetzt hauste aber wieder auf die Kacke. Auch wenn de auf der Uni warst, kannst’e nicht deutsch mit mir reden? Euphi was und Oxymor, was sagt mir das?“ „Tschuldige,“ sagt se. „Euphemismus beschreibt eine Kacksache als was Schönes und ein Oxymoron ist ein in sich widersprechender Widerspruch.“ „Is ja gut. Aber jetzt weiß ich immer noch nicht, warum die Preise bei uns schneller und höher steigen als z.B. in Österreich.“
„Na da hilft uns wieder der Sprecher des Tankstellenverband weiter. Der hat nämlich gesagt, dass die Chefs von den Mineralölkonzernen einen guten Draht zur Wirtschaftsministerin Reiche haben. Hat ja als ehemalige Gasmanagerin Stallgeruch. Deshalb hätten se von der nichts zu befürchten.“ Das weiß ich aber besser. Deshalb grätsche ich dazwischen. „Stimmt nicht, die hat doch jetzt das Kartellamt beauftragt, die Entwicklung zu überprüfen. Die hängt sich jetzt rein.“ „Schon wieder fällst Du auf das Fernsehen rein. Das Kartellamt prüft überhaupt nicht die Preise, sondern nur, ob es Absprachen zwischen den Mineralölkonzernen gab. Und das dauert und dauert … Und wie sollen die drauf kommen, wenn die Chefs von den Konzernen sich zufällig in der Sauna treffen? Das Kartellamt ist nichts andres als ein Papiertiger, damit wir glauben, der Kapitalismus sei regulierbar!“
Hat se mir mal wieder meine Grenzen aufgezeigt. Um mich zu beruhigen, such ich nach der Schokolade. „Brauchst gar nicht zu suchen, hab keine gekauft. Die Schokoladenpreise liefern sich im Augenblick ein Wettrennen mit den Spritpreisen. Und das obwohl die Kakaopreise seit einem Jahr drastisch sinken.“ Langsam vermute ich, dass das System hat, vielleicht sogar am System liegt?
„Und was soll man dagegen machen?“, frag ich sie. „Der Otto von nebenan sagt, er diskutiert mit seinen Kollegen gerade, dass es wohl Zeit sei, auch den Preis für ihre Arbeitskraft anzupassen. Denn schließlich hätten die Arbeiter auch so eine Art Monopolstellung, die sie eigentlich viel zu selten nutzen, meint der Otto.“ Nicht schlecht denk ich. Dann würde meine Rente auch steigen und meine Frau könnte wieder Schokolade kaufen. Aber so lang will ich nicht warten …