Interview mit einem IG-Metall-Kollegen bei Tesla

Interview mit einem IG-Metall-Kollegen bei Tesla

Tesla: IG Metall-Liste erringt 30% der Stimmen im Kampf gegen faschistisches Union Busting

Die mit Spannung erwartete Betriebsratswahl bei Tesla in Grünheide hat stattgefunden und gestern wurden die Ergebnisse bekannt. Bürgerliche Medien berichten, dass die IG Metall bei der Wahl eine Schlappe erlitten habe. Gewerkschafter und Kollegen sehen das anders. Im scharfen Gegenwind des faschistischen Union-Busting errang die Liste der IG Metall immerhin 30% der Stimmen. Herzlichen Glückwunsch zu allen in der Polarisierung erkämpften Stimmen! rf-news sprach mit einem IG Metaller.

Tesla:  IG Metall-Liste erringt 30% der Stimmen im Kampf gegen faschistisches Union Busting
Vor der Betriebsratswahl am Tesla-Tor (Screenshot)

Rote Fahne News

Die Medien berichten, dass die IG Metall bei der BR-Wahl bei Tesla in Grünheide eine Schlappe erlitten hat. Wie beurteilst Du das Ergebnis?

 

IG-Metall-Kollege

Wir sind mit dem Anspruch in den Wahlkampf gegangen, die absolute Mehrheit der Stimmen zu holen. Viele von uns, ich eingeschlossen, haben auch damit gerechnet, dass wir dieses Ziel erreichen können. Wir haben einfach unterschätzt, wie die Erpressung durch die Werksleitung und Elon Musk persönlich auf die Kolleginnen und Kollegen wirkt. Zum einen wurde den Kolleginnen und Kollegen über Monate eingetrichtert: „Wenn die IG Metall die Wahl gewinnt, wird nicht mehr in das Werk investiert.“ Das andere systematisch geschürte Narrativ war, dass die IG Metall verantwortlich ist für die Arbeitsplatzvernichtung in der Automobilindustrie. Zusätzlich zu dieser allgemeinen Drohkulisse wurde mir auch von Kollegen berichtet, dass sie zu spontanen Mitarbeitergesprächen gerufen wurde, wo es dann darum ging, dass man nicht die IG Metall wählen soll. Wir haben keinen umfassenden Überblick darüber, was vom Management unternommen wurde, um die Wahlentscheidung der Leute zu beeinflussen, aber eins ist für uns klar: es wurde massiver Druck ausgeübt.

 

Während die IG-Metall-Liste im Wahlkampf eine E-Mail pro Woche an die Belegschaft verschicken durften, haben fast täglich Veranstaltungen vom Management stattgefunden, in denen gegen die IG Metall Stimmung gemacht wurde. Angesichts dessen verdient dieses Wahlergebnis großen Respekt, weil hinter jeder Stimme für die IG Metall eine Kollegin oder ein Kollege steht, der mit dieser Propaganda des Managements fertig geworden ist.

 

Rote Fahne News

Welche Auseinandersetzung gab es in der IG Metall?

 

IG-Metall-Kollege

Die IG-Metall-Liste  war die einzige der elf Listen, die demokratisch (auf der Mitgliederversammlung) gewählt wurde. Ich halte es für richtig, mit einem klaren antifaschistischen und internationalistischen Profil bei der Listenwahl der IG Metall einzutreten, was auch viele Kolleginnen und Kollegen überzeugt hat. Es gibt in der IG Metall auch die These, man sollte Politik außen vor lassen, aus Angst, man könnte einzelne Leute verprellen. Das halte ich nicht für richtig, weil es die IG Metall handlungsunfähig macht.

Was bei Tesla passiert, kann man nur verstehen, wenn man es politisch einordnet. Man kann nur eine richtige Taktik entwickeln, wenn man seinen Gegner versteht. Ebenso kann man aus meiner Sicht nur eine starke Gewerkschaftsbewegung aufbauen, wenn man versteht, welche politischen und weltanschaulichen Einflüsse auf die Kolleginnen und Kollegen einwirken und worauf sie abzielen. Elon Musk hat sich mehrfach offen zu faschistischen Bewegungen und Parteien wie der AfD bekannt. Die Medien raufen sich die Haare darüber, warum jemand, der sein Geld auch mit Elektrofahrzeugen verdient, eine Partei unterstützt, für die der Verbrennungsmotor fast schon eine religiöse Bedeutung hat. Für mich ist das relativ offensichtlich: es geht ihm darum, den politischen Rahmen zu schaffen, in dem er die Arbeiter am besten ausbeuten und ihren Widerstand unterdrücken kann. Das ist der Faschismus. Deswegen ist es auch absolut richtig, dass der antifaschistische Kampf in der Satzung der IG Metall verankert ist. Auf der  3. Internationalen Automobilarbeiterkonferenz in Indien wurde aus allen Ländern berichtet, wie faschistische Kräfte oder Regierungen systematisch versuchen, die Rechte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung einzuschränken um eine arbeiterfeindliche Politik durchzusetzen.

 

Rote Fahne News

Welche Schlussfolgerungen ziehst Du aus der Betriebsratswahl?

 

IG-Metall-Kollege

Zuerst möchte ich allen Kolleginnen und Kollegen danken, die im Wahlkampf aktiv waren. Viele von ihnen haben dabei persönliche Nachteile, Mobbing oder Abmahnungen in Kauf genommen. Bei Tesla offensiv für die Gewerkschaft einzutreten, erfordert eine Menge Mut und Selbstbewusstsein. Und davon gibt es eine ganze Menge!

Die Kolleginnen und Kollegen sind zu Recht wütend darüber, wie das Management die Wahl beeinflusst hat. Ich habe heute mit vielen von ihnen gesprochen und für alle war klar, dass unser Kampf direkt weitergeht. Sie sagen, dass es auf keinen Fall die nächsten vier Jahre so weitergehen kann wie bisher. Das Wahlergebnis wurde nicht als Niederlage verarbeitet, sondern als Auftrag, den Schwung des Wahlkampfs zu nutzen, um neue Mitglieder zu gewinnen und auszubilden, unsere gewerkschaftlichen Strukturen im Betrieb aufzubauen und zu stärken und kämpferische Aktionen in der Belegschaft vorzubereiten.

Anmerkung der Redaktion

Die Liste Giga United (vom Management) wird im neuen Betriebsrat (BR) 16 Sitze haben (bisher 15), die IG Metall 13 (bisher 16), die neue „Polnische Initiative“ 3 Sitze, und 4 weitere Listen insgesamt 5 Sitze. Außer der Liste der IG Metall sind alle anderen Listen weitgehend vom Management gefördert bzw. stehen dem nahe. Die Liste „Polnische Initiative“ errang etwa so viele Stimmen wie die IG Metall weniger bekommen hat. Sie forderte u.a. mehr polnische Gerichte in der Kantine und polnisch als „3. Werkssprache“, wendet sich aber klar gegen gewerkschaftliche Interessensvertretung.