Bitter bis kämpferisch

Bitter bis kämpferisch

Betriebsversammlung bei Ford in Köln

Am 24. Februar fand die erste von drei außerordentlichen Betriebsversammlungen bei Ford in Köln statt. Die ungewohnt leere Halle machte bis ins Gefühl klar, wie radikal die Belegschaft bereits reduziert worden war. Ende 2025 waren fast 1000 Kollegen aus der Fertigung mit Abfindung gegangen.

Von Korrespondenz
Betriebsversammlung bei Ford in Köln
Die Ford-Zentrale in Dearborn / USA (foto: Dave Parker (CC BY 3.0))

Ein Grund für die Versammlung war sicher die Befürchtung des Betriebsrates, dass sich in anderen Bereichen und vor allem in der Produktentwicklung, nicht genug „Freiwillige“ finden und dann ab dem 1. März der ausgehandelte „Sozial“-Tarifvertrag seine hässliche Seite zeigt. Ein Kollege spottete in der Aussprache: „Freiwillig sollte das neue Unwort des Jahres werden. Nimm freiwillig die Abfindung, sonst zwingen wir dich und du kriegst außerdem noch weniger Geld.“

 

Und so sprach der Betriebsrat viel über eine absurde Definition von Zielen: Aus den einen Bereichen müssten halt genug freiwillig gehen. 2900 Kolleginnen und Kollegen sind das, plus etwa 500, die sogar noch aus einem vorherigen Programm der Arbeitsplatzvernichtung „übrig“ sind. Für sieben Bereiche sucht Ford Investoren, mit bisher mehr als bescheidenem Erfolg. Im Juni soll hier Bilanz gezogen werden und vermutlich kommt spätestens dann die nächste Welle der Arbeitsplatzvernichtung. Die Stimmung der Kolleginnen und Kollegen auf der Versammlung reichte von bitter bis kämpferisch.


Dazwischen gab es auch viel Nachdenklichkeit. Ein Kollege gratulierte der Geschäftsleitung in der Aussprache für den bitteren Erfolg, die Arbeitsplatzvernichtung im Auftrag der Konzernzentrale in Dearborn durchgeboxt zu haben. Produktentwicklung, das sei wie ein Symphonieorchester. Die Geschäftsleitung denke, es sei egal, wer spiele, weil die Noten die gleichen seien. Aber das stimme nicht. Es brauche Jahre und Jahrzehnte, um zu klingen wie die Berliner Symphoniker. Und es brauche genauso lange, ein gutes Entwicklungsteam aufzubauen. Und das würde in Köln jetzt bis Ende 2027 zerlegt.

"Kein Druckmittel zum Kämpfen" - bei täglichen Überstunden und Stückzahlendruck?

Der Betriebsrat berichtete, dass Ford nicht genug Bewerber für die Ausbildungsplätze ab dem 1. September findet. Ein krasses Zeichen, was drei Jahre verbreitete Abgesangsstimmung und Arbeitsplatzvernichtung anrichten. Denn früher konnte sich Ford vor Bewerbern kaum retten. Ein Kollege kritisierte, dass Ford auf globale Weisung aus den USA bisher geltende Regeln für Homeoffice zu kündigen versucht, was nun vor der Einigungsstelle gelandet ist.

 

Aus der Fertigung kamen kämpferische Töne. Im Dezember und Anfang Januar gab es keine Produktion. Es hieß, dass angeblich niemand das Auto haben wolle und wir angeblich deswegen kein Druckmittel zum Kämpfen hätten. Jetzt sind wir unterbesetzt mit nur einer Schicht, täglichen Überstunden und Stückzahldruck.

 

Klar wollen manche gerade jeden Euro mitnehmen, weil bald die Schichtzulagen fehlen. Angesichts der Debatte in Berlin, die Arbeitszeit auszuweiten, müssen wir aber gemeinsam denken und handeln. Das ist ein Testballon und wird schnell von freiwillig zu verpflichtend zum neuen Standard. „Jedes Tor, das aufgestoßen wurde, kriegt man nur schwer wieder zu. Wir müssen die gesteigerte Ausbeutung bekämpfen und brauchen eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich“, so ein Kollege. Eine junge Mutter verteidigte das Recht auf Teilzeit und machte sich über den Lifestyle von Söder und Merz lustig.

"Sozial"tarifvertrag als organisierte Vernichtung der Arbeitsplätze

Über die harte Zeit, seit den Angriffen der Geschäftsleitung, zog ein Kollege Bilanz. Man könne der Geschäftsleitung nichts glauben. Man rede der Belegschaft ein, Ford mache nur Verluste, eine karitative Veranstaltung „um uns weichzuklopfen“. Jetzt kommt raus, die GmbH hat 2024 mit 1 Mrd. Euro Gewinn abgeschlossen! Es wäre dagegen immer viel erreicht worden, wenn die Belegschaft gemeinsam gekämpft hat.

 

Ganz aktuell hat eine Linie in der Fertigung bei einer Pausenversammlung die Hallenleitung zur Rede gestellt und ein Ende der Unterbesetzung gefordert. Und sie haben das durchgesetzt. Als einen Fehler nannte der Kollege den Sozialtarifvertrag. Er sei kein Sicherheitsnetz, sondern organisiere die Vernichtung der Arbeitsplätze. Er widersprach auch dem Betriebsrat. Dass so viele Kolleginnen und Kollegen freiwillig gegangen sind, sei kein Zeichen dafür, dass das Abfindungsprogramm im Interesse der Kolleginnen und Kollegen sei. „Die Leute haben einfach nicht mehr daran geglaubt, dass es hier weitergeht. Eigentlich wollten viele nicht weg.“

Entschlossen und wenn nötig auch selbstständig streiken

Gegen die Angriffe hätte dagegen entschlossen und, wenn nötig, selbstständig gestreikt werden müssen. VW biete doch gerade den Beweis, dass es uns nicht besser geht, wenn es der Firma besser geht. Das Management dort findet erst 6 Mrd. Euro Gewinn für 2025 in der Bilanz und kündigt dann die nächsten Angriffe samt Werkschließung an. Mit all den anderen Belegschaften gemeinsam zu kämpfen, ist die richtige Antwort!

 

An vielen Stellen kam der Zusammenhang zur Weltlage heraus. Ford fährt global einen rücksichtslosen Kurs auf Trump-Linie. Die Arbeiterklasse muss Verantwortung für die großen Themen übernehmen. Die Resolution der Vertrauensleutevollversammlung gegen Kriegswirtschaft wurde vorgelesen und berichtet, dass sie im Internet und sogar in einer französischen Zeitung zitiert und diskutiert wird.

 

Sicher ein zweiter Grund für die Versammlung waren die anstehenden Betriebsratswahlen vom 9. bis 11. März. Es ist ein Erfolg dieser international zusammengesetzten Belegschaft, dass es keine Liste des faschistischen „Zentrums“ gibt. Zugleich gibt es so viele Listen, wie seit Jahrzehnten nicht. Das hilft der Belegschaft nicht. Vielmehr braucht es einen möglichst demokratischen Wahlprozess. Am besten Persönlichkeitswahl, damit die Beschäftigten wählen können, wem sie vertrauen. Wenn das nicht gelingt, muss die IG-Metall-Liste in Urwahlen diesen demokratischen Prozess bei der Aufstellung der Liste vorher organisieren.

 

Wie als einen Höhepunkt seiner Rede organisiert, verkündete der Betriebsratsvorsitzende, dass die letztes Jahr verschobene tarifliche Einmalzahlung (T-Geld) im März überwiesen würde und bekam dafür viel Applaus. Nach einem Trommelfeuer schlechter Nachrichten entfaltet es natürlich eine positive Wirkung, wenn es endlich auch mal wieder positive Meldungen gibt. Die Belegschaft sollte sich aber nicht täuschen, denn der Kampf gegen die massive Arbeitsplatzvernichtung ist weiter voll gefordert.


Auf dem Rückweg und rauchend vor der Halle wurde noch viel diskutiert. Es gibt ein großes Bedürfnis, sich auszutauschen.