Berlinale 2026

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Wim Wenders, der Schuss ging nach hinten los!

Gestern Abend ging mit der Verleihung der Goldenen und Silbernen Bären und weiterer Preise die 76. Berlinale zu Ende. Die Festspiele hatten mediale Furore gemacht. Nicht einmal vor dem roten Teppich der Preisverleihung machte die breite Debatte halt.

Von hi
Wim Wenders, der Schuss ging nach hinten los!
Sofia Alaoui, Frederic Hambalek, Dorota Lech, Abdallah Alkhatib, Taqiyeddine Issaad Der Regisseur (2. von rechts) und der Produzent (rechts) gewinnen den GFWW Preis Bestes Spielfilmdebüt. Chronicles From the Siege · Perspectives · GWFF Preis Bestes Spielfilmdebüt · 21. Februar 2026 (Foto: Foto-Boulevard der Berlinale)

Gleich zu Beginn hatte Jury-Präsident Wim Wenders für Irritation und Protest gesorgt, als er auf der Pressekonferenz zur Eröffnung erklärte, die Palästinasolidarität sei kein Thema für die Berlinale (Rote Fahne News berichtete: Arundhati Roy zeigt Haltung). Weil Wim Wenders' Äußerung in die Öffentlichkeit drang, machte ein Berlinale-Vertreter sogleich den Vorschlag, künftig nicht mehr allgemein zur Pressekonferenz einzulasen, sondern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorher auszusuchen.

 

In einem offenen Brief vom 17. Februar, der bis jetzt von 104 Kultur- und Filmschaffenden unterzeichnet wurde, protestieren diese dagegen. So heißt es in dem Brief unter anderem: "Wir sind bestürzt über die Beteiligung der Berlinale an der Zensur von Künstlern, die sich gegen den anhaltenden Völkermord Israels an den Palästinensern im Gazastreifen und die Schlüsselrolle des deutschen Staates dabei wenden." Als Unterzeichnerinnen und Unterzeichner seien sie in der Vergangenheit oder Gegenwart an der Berlinale beteiligt gewesen. Sie berichten auch von Schikanen und Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber der Palästinasolidarität seitens Verantwortlicher der Veranstaltung und von Behörden auf der Berlinale im letzten Jahr.

 

„Aber die Zeiten ändern sich in der internationalen Filmwelt. Viele internationale Filmfestivals bekräftigen den kulturellen Boykott des Apartheid-Staates Israel, einschließlich des Internationalen Dokumentarfilm-Festivals Amsterdam, dem größten der Welt, ebenso des BlackStar Film-Festivals in den USA und dem größten belgischen Filmfest in Gent. Über 5000 Beschäftigte beim Film haben erklärt, die Zusammenarbeit mit israelischen Filmgesellschaften und Institutionen zu verweigern. ... Wir fordern die Berlinale auf, ihre moralische Pflicht zu erfüllen, und klar gegen Israels Völkermord, seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen an den Palästinensern Stellung zu beziehen, und vollständig ihre Rolle beim Schutz Israels vor Kritik und bei der Rechtfertigung seiner Taten aufzugeben." (Eigene Übersetzung)

 

Dem wäre nichts hinzuzufügen. Aber getroffene Hunde bellen, und die auf die Israelgefolgschaft ausgerichtete Presse heult auf. Für die Süddeutsche Zeitung gibt es keine Zensur und keine Unterdrückung von Kritik am israelischen Völkermord. Als ob Wim Wenders nicht gesprochen hätte und die deutsche Bundesregierung nicht auf der ganzen Welt für ihre Kriminalisierung der Palästina-Solidarität verrufen wäre. Ihr Beweis: Die Unterzeichnerin Tilda Swinton habe auf der letzten Berlinale freudig den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk entgegengenommen und dabei ihre Unterstützung der BDS-Kampagne zum Ausdruck gebracht. Dass die Unterdrückten ihre Stimme zu Recht immer lauter erheben, ist kein Beweis dafür, dass es keine Unterdrückung dieser Stimmen gibt.

 

Der ultrareaktionäre Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hetzt, das Festival sei keine Nichtregierungsorganisation „mit Kamera und Regie“; Wenders werde von „Pali-Aktivisten“ bedrängt. Ja Herr Weimer, die Berlinale ist kein politik- und ideologiefreier Raum, und die Kritik von Aktivisten der Palästinasolidarität an Wim Wenders ist völlig berechtigt. Die meisten bürgerlichen Zeitungen überschlagen sich in der Kritik an dem Brief, eine deutsche Veröffentlichung haben wir nicht gesehen. Wer ihn lesen will, muss die amerikanische Zeitung Variety heranziehen.

 

Für die Berlinale-Chefin Tricia Tuttle war es „unglaublich hart“, den Brief zu lesen. Sie hält es für gefährlich, wenn die Berlinale gegen die israelische Völkervernichtung in Palästina Stellung bezieht. Dadurch würden Menschen aus der Diskussion ausgeschlossen. Ja wer würde denn ausgeschlossen, wenn es eine Verurteilung des Völkermords gäbe? Eigentlich könnten sich da nur Leute "ausgeschlossen" fühlen, die das menschenverachtende zionistische Vorgehen richtig finden!

 

Etwas anders sieht dies die Regisseurin Kaother Ben Hania, die im Adlon im Windschatten der Berlinale den Cinema for Peace für ihren berühmten Film "The Voice of Hind Rajab" erhalten sollte. Er handelt von einem palästinensischen Mädchen, das von israelischen Militärs ermordet wurde. In ihrer Rede sagte sie: Was Hind passiert ist, ist kein Ausnahmefall. Es ist Teil eines Genoizids. Und heute sind hier in Berlin Menschen, die diesen Genoizid politisch decken, weil sie die massenhafte Tötung von Zivilisten als Selbstverteidigung bezeichnen, als komplexe Situation. Und indem sie Leute, die dagegen protestieren, herabwürdigen.“ Aus Protest ließ sie den Preis stehen.

 

Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib nahm den Berlinale-Preis für sein Spielfilmdebüt „Chronicles From the Siege“ entgegen. Er brachte eine palästinensische Flagge mit auf die Bühne und sagte, eines Tages werde es ein wunderbares Filmfestival in Gaza geben. „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand." Der deutsche Umweltminister Carsten Schneider entblößte sich nicht, wegen dieser "nicht akzeptablen Aussage" den Saal zu verlassen. 

 

Auch bürgerliche Stimmen und Medien, die nicht in das Geschrei gegen den offenen Brief einstimmen, lassen sich zum Teil von der Stimmung anstecken, es gebe zu viel politische Debatte auf der Berlinale und anderen Kulturevents. Dass auf der Berlinale die Positionierung für das palästinensische Volk und seinen Kampf verteidigt wird, ist gut und nicht schlecht.