Ukrainekrieg
Rückeroberungen durch die ukrainische Armee?
In den deutschen Medien wird berichtet, in der letzten Woche hätte die Ukraine mehr Gelände gewonnen, als in den letzten 2,5 Jahren. Das klingt gewaltig, aber selbst wenn, dann wäre das nicht sehr viel – stimmt es aber überhaupt?
Die deutschen Medien reproduzieren hier scheinbar einen einzigen Artikel aus der ukrainischen Presse, und zwar von dem größten Staatsorgan, der Kyiv Post. Die Tagesschau berichtet fast wortgleich – allerdings wird in der deutschen Fassung aus „einer AFP-Analyse von ISW-Daten“ (wobei die ISW der US-Thinktank „Institute for the Study of War“ ist und die AFP einfach eine Nachrichtenagentur) die Überschrift: „US-Institut verzeichnet Rückeroberungen der Ukraine“. Großmundig, besonders wenn man bedenkt, dass der Artikel, der die „AFP-Analyse“ zitiert, tatsächlich von der AFP selbst geschrieben und in der Kyiv Post reproduziert wurde - und das ISW das so tatsächlich nie geschrieben hat.
Der Rest der Berichterstattung ist rein spekulativ und versucht, diese 201 Quadratkilometer angeblich wieder gut gemachten Terrains zu erklären. Es wird gemutmaßt, es liege an der Abschaltung von Starlink durch Elon Musk, auf das die russische Armee für ihre Kommunikation angewiesen sei. Dass sie das wäre, ist weder nachweislich, noch wäre es sinnvoll. Tatsächlich forcierte die russische Regierung bei kritischen Systemen wie der Kommunikation stets alternative Systeme, wie das Navigationssatellitensystem GLONASS, ein Analog zum westlichen GPS.
Berichte des ukrainischen Oberkommandos lassen keine Geländegewinne erkennen
Nicht nur deswegen erscheinen die Schlussfolgerungen der AFP fragwürdig. Es heißt, die Rückeroberungen konzentrierten sich „auf eine Zone etwa 80 Kilometer östlich der Stadt Saporischschja“. Das ist der Schauplatz der seit September 25 laufenden russische Huljajpole-Offensive.
Die Berichte des ukrainischen Oberkommandos der letzten 24 Stunden¹ aus dieser Region gehen jedenfalls in die gegenteilige Richtung: Es gibt 12 einzelne Berichte zu Gefechten, wobei die Bewegungsrichtung der Zusammenstöße immer mit Westen angezeichnet wird. Darüber hinaus gibt es 14 Berichte von Bombardierungen durch die russische Luftwaffe in der Region. Alle diese Berichte fassen jeweils mehrere Einzelgefechte zusammen. Insgesamt wird von 201 Gefechten in diesem Zeitraum berichtet, aber nur von fünf Angriffen ukrainischer Verbände. Huljajpole selbst ist weitgehend verloren, die ukrainische Armee hält eventuell noch einen Teil des Stadtgebiets im Südwesten. Diese Offensive der russischen Armee hat außerdem zur Bildung einer Fronteinbuchtung bei Salisnytschne geführt.
Selbst wenn es also Geländegewinne gegeben haben sollte, so ist das keine Umkehr der jüngsten Entwicklung. Vielmehr lassen die Berichte des ukrainischen Militärs selbst eher den Schluss zu, dass die Presseberichte über Geländegewinne zumindest stark übertrieben werden. Sie sind wahrscheinlich wahrscheinlich nur eine neue Variante der Illusion eines großen "Gamechangers", einer Technologie oder Wunderwaffe, Produkt westlicher Überlegenheit, die auf einen Schlag das Blatt wenden könnte. So aber funktioniert Krieg in der Wirklichkeit nicht.