Hella Recklinghausen

Hella Recklinghausen

Lassen wir uns nicht einwickeln!

Der folgende Artikel ist in der aktuellen Extra-Ausgabe der Zeitung von Kollegen für Kollegen bei Hella, „Der Scheinwerfer“, erschienen. Die Rote Fahne Redaktion dokumentiert:

Die Geschäftsführung Hella / Forvia verhandelt mit dem Betriebsrat und der IG Metall über einen sogenannten „Interessensausgleich“ und „Sozialplan“.

Was soll an Arbeitsplatzabbau „sozial“sein?

Seit wann kann man gegensätzliche Interessen einfach „ausgleichen“? Hella / Forvia geht es um größtmöglichen Profit. Uns Arbeitern und Angestellten geht es um Arbeitsplätze und entsprechenden Lohn. An jeder Frage heißt es „die oder wir“. Das ist der Klassengegensatz, auf dem der Kapitalismus beruht. Sein Wesen ist die Konkurrenz. Nur der Konzern, der die Nase vorn hat, kann auf Dauer bestehen. Dafür werden dann Schichtmodelle eingeführt, Avitea-Kollegen geheuert und gefeuert, LOW-Arbeitsplätze eingerichtet, Kranke rausgemobbt usw.


Forvia nagt nicht am Hungertuch. Es konnte seinen Umsatz pro Beschäftigten von 2023 auf 2025 von 162.420 Euro auf 176.470 Euro erhöhen, und das trotz oder wegen einer geringeren Beschäftigtenstärke von minus 21.000 oder 13 Prozent.

Scheibchenweise Schließung?

Nachdem die Belegschaft in Recklinghausen schon in den letzten Jahren enorm geschrumpft ist – auf gerade noch 400 Beschäftigte – blieben nach den Plänen von Hella noch nicht einmal 250 Arbeitsplätze übrig. Sie können uns doch nicht weismachen, dass das nicht auf eine Schließung des Werks hinausläuft. Von ihrem Profitdenken aus lohnt sich dann das Gelände, die Kantine usw. nicht mehr.

Alles alternativlos angesichts der wirtschaftlichen Situation?

Deutschland kommt bisher aus seiner jahrzehntelangen Wirtschaftskrise nicht heraus. Besonders die Autoindustrie fällt zurück, auch weil sie zu lange am Verbrecher festgehalten hat. Wir haben diese Krise nicht verursacht und sind deshalb auch nicht bereit, sie auszubaden.


Der Betriebsrat will jetzt der Geschäftsleitung Alternativen schmackhaft machen. Erstens wird damit die Arbeitsplatzvernichtung an sich schon akzeptiert. Zweitens ist es eine Illusion, die kapitalistische Profitgier mit solchen Verhandlungen abwenden zu können. Das ist schon bei Rexam und Ontex gescheitert. Das ganze Gerangel um den Sozialplan soll vor allem die Belegschaft vom Kampf abhalten.

 

Wenn Aufträge zurückgehen, kann die Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden – bei vollem Lohnausgleich. Das fordern aktive Gewerkschafter schon lange.

„Kämpfen – ja, aber wie?“

Manche sagen: „Wir wissen ja noch nicht genau, was rauskommt.“ Ihre Pläne sind aber allgemein auf dem Tisch und Zugeständnisse machen sie nicht freiwillig. Die Methode, um Kämpfe zu verhindern, ist bekannt: Da heißt es zuerst „Es ist zu früh zum Kämpfen“ und dann ganz schnell „Jetzt ist es zu spät“. Je eher wir kämpfen, umso eher können wir sie zu Rückziehern zwingen. Solange die Produktion läuft, haben wir ein entscheidendes Druckmittel: den Streik. Wir kennen die eng getakteten Produktionsabläufe. Ein Streik würde sich schnell auf die Autokonzerne auswirken. Und er würde nicht zuletzt bei den vielen anderen Belegschaften auch Schule machen, die wie wir von Arbeitsplatzabbau und Werksschließungen betroffen sind – zum Beispiel ZF und Bosch. Allein bei Forvia in Deutschland planen zehn Standorte Entlassungen oder Schließungen.

„Wenn alle mitmachen würden, wäre ich dabei“

Wenn das jeder sagt, passiert nichts, ganz einfach. Wenn sich die aber schon mal zusammentun und dann auch noch andere überzeugen, kann sich das Blatt wenden. Einige Kolleginnen und Kollegen hatten auch in den letzten Monaten schon ihren Protest zum Ausdruck gebracht, auf der Betriebsversammlung, in den Abteilungen, mit dem Button der IG Metall und mit Protestunterschriften.

„Ich finde schon was anderes“

Die Zeiten sind vorbei, trotz Facharbeitermangel. Die offizielle Arbeitslosigkeit stieg im Januar auf 6,6 Prozent, der Höchststand seit zehn Jahren. In NRW sind es sogar 8 Prozent. Für ältere wird es umso schwieriger.


Aber es geht auch nicht nur um einen selbst. Wir haben im letzten großen Industriebetrieb in Recklinghausen auch eine Verantwortung für die Jugend. Solidarität ist unsere Stärke. Die dürfen wir uns nicht abkaufen lassen.

Dürfen wir überhaupt streiken?

Tatsächlich gibt es in Deutschland, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern kein allgemeines Streikrecht. Es ist auf Tariffragen und enge Grenzen beschränkt. Die IG Metall darf gar nicht zum Streik aufrufen, sie könnte zu Schadenersatz verklagt werden. Deshalb ist die Forderung nach einem allseitigen und vollständigen gesetzlichen Streikrecht auch hochaktuell.

 

Aber wenn wir uns das Recht trotzdem nehmen, setzen wir am längeren Hebel. In vielen solchen Streiks wurde sofort die Forderung durchgesetzt, dass es keine Maßregelungen geben darf.

 

Gewerkschaftlich organisierte Kolleginnen und Kollegen sind das Rückgrat, auch von selbständigen Streiks. Auch hier in Recklinghausen sollten sich noch viel mehr Kollegen für die Mitgliedschaft in der IG Metall entscheiden. Gewerkschaften müssen wirkliche Kampforganisa­tionen werden.

Organisiert sind wir stark.

Drücken wir unseren Protest auf vielfältige Weise aus. Lassen wir uns nicht hinhalten.


Nutzen wir Gruppengespräche und gewerkschaftliche Treffen zur Beratung.

 

Beziehen wir auch die Avitea-Kolleginnen ein. Sie sind genauso (oder noch mehr) betroffen und gehören zur Belegschaft.

 

Organisiert euch in der IG Metall und / oder weitergehend in der Betriebsgruppe der MLPD (natürlich völlig vertraulich). Die MLPD hat schon bei Opel 2004 und bei vielen weiteren Kämpfen um jeden Arbeitsplatz viele Erfahrungen gesammelt, auf die die Belegschaft bauen kann.