Satirische Gedanken zu den Warnstreiks
… da muss man erst Mal hinter kommen!
In den letzten Wochen war ja was los. Mal haben die Busfahrer, mal die Krankenschwestern und dann sogar die Piloten gestreikt. War sicher für den einen oder anderen ärgerlich. Ich zum Beispiel wollte in die Stadt, zum Arzt. Habe trotz der Kälte halt das Rad genommen. Ging auch.
Ich denke, wenn der Busfahrer durch eine kürzere Wochenarbeitszeit und längere Ruhepausen uns sicher von A nach B bringt, haben wir doch alle was davon. Alle? Nee!
Zu Hause pack’ ich die BILD aus, obwohl meine Frau das nicht so gut findet. „Ist nur wegen des Sports …“ red’ ich mich immer raus. Heute steht ganz groß vorne drauf: „Streiken wir uns den Aufschwung kaputt?“ Ich frag meine Frau: „Was soll denn das für ein Aufschwung sein, der durch einen 24-Stunden-Warnstreik von Lehrern, Erziehern, Krankenschwestern oder Busfahrer kaputtzugehen droht? Und außerdem, hast Du was von einem angeblichen Aufschwung gesehen?“ „Nee“, meint sie, „ich kann nur bei den Arbeitslosenzahlen einen feststellen.“
Doch es kommt noch dicker. Unter der Überschrift auf Seite 2 „Sind diese Streiks berechtigt?“ kotzt sich der „Chef-Autor Politik“ von BILD, Peter Tiede, mal so richtig aus. Dort beschimpft er die Warnstreiks als „rotzfreche Streik-Folklore“. Als ich meiner Frau das vorlese, bekommt die einen ganz roten Kopf und das kommt nicht oft vor. „Was bildet sich der Fatzke ein, so respektlos und beleidigend von den Frauen und Männern zu reden, die sich Tag für Tag für uns alle den A… aufreißen? Was man wohl kaum von dem Wadenbeißer und Sesselpupser im Dienste der Großkopfeten sagen kann“, redet sie sich in Rage.
Ich lese weiter und stolpere über den Satz, wo Tiede die Warnstreiks als „spätsozialistische Dekadenz“ ablehnt. Dekadenz verstehe ich ja noch, aber was haben Warnstreiks mit Dekadenz zu tun? „Nichts,“ sagt meine Frau, „die sind für mich ein Hoffnungsschimmer eines sich entwickelnden Klassenbewusstseins. Dekadent dagegen finde ich, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo die Aktienkurse für Rüstungsfirmen steigen, wenn ein Krieg ausbricht, und die Toiletten in der Schule so kaputt sind, dass sie geschlossen werden müssen!“ Ok, das leuchtet mir ein.
Aber was sollen die Warnstreiks mit dem Sozialismus zu tun haben? Meine Frau seufzt. Sie geht in ihr Arbeitszimmer und kommt mit einem Buch von Lenin zurück. Das macht sie oft, wenn ich mal 'ne Frage habe. „Hier schreibt Lenin,“ sagt sie und liest vor: „Jeder Streik erweckt in den Streikenden mit großer Kraft den Gedanken an den Sozialismus, den Gedanken an den Kampf der ganzen Arbeiterklasse für ihre Befreiung vom Joch des Kapitals.“¹ Soweit also Lenin. Dann wieder meine Frau: „Mit dem Hinweis auf den Sozialismus deckt Tiede doch auf, was ihn eigentlich an den Warnstreiks stört. Dass aufgewühlt durch den Streik drängende politische Fragen aufbrechen, mehr Kolleginnen und Kollegen sich Gedanken über eine gesellschaftliche Alternative, eben den Sozialismus machen.“
Ich leg’ die BILD beiseite und schieb mir den Lenin noch mal durch den Kopf. Eigentlich hat sie recht, aber da muss man erst mal hinter kommen! Aber genau genommen war es ja Lenin!