Leipzig
43 Stunden im Streik – genug Zeit, um über Perspektiven zu diskutieren
Seit heute Morgen um 5 Uhr sind die Beschäftigten des Uniklinikums Leipzig (UKL) von ihrer Gewerkschaft Ver.di zum Partizipationsstreik* aufgerufen.
Über 200 Leute sind bereits von der Frühschicht an dabei. Die Beteiligung ist wieder groß – so laufen die Telefondrähte heiß zwischen der Klinik- und der Streikleitung. Die Klinikleitung versucht über die Notdienstvereinbarung hinaus, Personal abzurufen. Ein Artikel in der Leipziger Volkszeitung am vergangenen Freitag erhitzt die Gemüter. Unter reißerischer Überschrift wurde behauptet, der Streik verhindere notwendige Krebs-OPs.
Die Klinikleitung gibt sich besorgt. Tatsächlich könnte sie den Streik jederzeit verhindern, sie müsste nur die gerechtfertigten Forderungen erfüllen.
Wie oft OPs wegen fehlendem Personal ausfallen, "vergisst" die Redaktion zu fragen. Auch Leserbriefe aus der Belegschaft werden nicht mehr vor dem Streik veröffentlicht. Ob es etwas damit zu tun hat, dass das UKL ein wichtiger Anzeigenkunde der Volkszeitung ist?
Die Streikenden lassen sich von dem Artikel nicht verunsichern, aber er hat die Ausweitung des Streiks nicht gefördert. Über die Beteiligung kann man abschließend erst nach dem zweiten Streiktag urteilen. Aber einige, die bisher nicht in der Gewerkschaft sind, können sich auch nicht einfach den zweiten oder dritten Streiktag leisten. Ein gutes Dutzend entschloss sich deshalb heute, Teil von Ver.di zu werden. Ein richtiger Schritt.
Um die Zeit bis zur Streikgelderfassung und zum Schichtwechsel sinnvoll zu nutzen, wird heute wieder eine Streikakademie in Form mehrerer Workshops angeboten.
Da geht es um Entlastungstarifverträge, profitorientierte Krankenhausfinanzierung im Kapitalismus. Oder auch um den in den USA von der faschistischen ICE-Polizei ermordeten Intensivpfleger Alex Pretti. Was moderner Faschismus bedeutet und wie man die AfD sowie ihren pseudogewerkschaftlichen Ableger "Zentrum" bekämpfen muss, wird hier diskutiert. Hier ging es auch um die Perspektive des Sozialismus.
Ob der Mensch wirklich selbstlos genug ist, fragt eine Teilnehmerin. Der Streik heute ist nur eines der Beispiele, wo Menschen ihre persönlichen Interessen für die gemeinsame Sache zurückstellen. Wenn man einmal genau hinschaut, ist die Gesellschaft voller Solidarität, und sie ist gesellschaftlich im Sozialismus zu organisieren, erscheint logisch, so der Workshopleiter. Er ist vielen hier nicht nur als aktiver Gewerkschafter, sondern auch als Mitglied der MLPD bekannt.
Wenn man einmal unvoreingenommen auf die Gesellschaft blickt, merkt man an jeder Ecke, dass es der Kapitalismus ist, der widernatürlich das Überleben der Menschheit gefährdet.
Gerade stärken sich die Streikenden mit Nudeln und Tomatensoße, bevor der Streik an die Spätschicht übergeben wird.