Winter in Deutschland
Tun wir alles dafür, dass die Eiszeit des Kapitalismus schwindet
Berlin, so heißt es, ist ja immer eine Reise wert. Zu jeder Jahreszeit bietet es Attraktionen. Jetzt z. B. ist es die wohl größte Eistanzfläche der Welt. Wer vor die Haustür tritt, stürzt sich in das Abenteuer seines Lebens: Bürgersteig, Straßenübergänge, Haltestellenzugänge – ein Flickenteppich aus gut geräumt und gut gestreut (sehr selten), halb geräumt und gestreut (etwas häufiger), geräumt, aber nicht gestreut (sehr oft).
Korrespondenz aus Berlin
Der Renner aber ist schlecht geräumt und nicht gestreut. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man nur noch lachen: Überall Leute mit lustigen Pirouetten, verrenkte Glieder, humpelnde und schlitternde Gestalten, ängstlich in der Luft Halt suchend. Und aus den Medien kommen fürsorgende Durchhalteparolen: Wir sollen vornübergebeugt gehen, Fuß neben Fuß watscheln wie ein Pinguin, Spikes anschnallen. Fehlt nur noch, dass empfohlen wird, sich mit der Lötlampe den Weg freizubrennen. Dabei ist es nur ein ganz normaler Winter, wie er früher einmal war. Woran also liegt die Unfähigkeit des Winterdienstes?
Er ist, um im Kapitalistenjargon zu sprechen, nur ein Kostenfall, bringt keinen Profit. Darum wird nur das Nötigste zu seinem Funktionieren getan – ein Hundeschlitten für die Bahn, ein Heizstrahler für die Tram, ein Bürstenmaschinchen für die Bürgersteige. Wenn der Winter nicht am selben Tag, an dem er eingefallen ist, wieder verschwindet, häuft sich der Schnee, wird festgetreten, wird zu Eis. Mensch, möchte man den Verantwortlichen zurufen, was macht ihr nur? Ein jeder Esel weiß doch, was bei diesem Wetter zu tun ist. Gleich bei Wintereinbruch alle verfügbaren Kräfte mobilisieren, gründlichst räumen (auch Ecken, Ränder und Übergänge), keine Schneedecke festtreten oder -fahren. Denn das wird alles zu Eis und kann dann nur noch mit dem Pickel losgeschlagen werden.
Aber so ist der Kapitalismus: zu Mord und Vernichtung immer drängend, aber unfähig zur einfachsten Vorsorge. Und nach zwei Jahrhunderten seiner Existenz kann getrost konstatiert werden: Bis zu seinem hoffentlich vorzeitigen Ableben wird sich daran nichts ändern. Tun wir alles dafür, daß diese Eiszeit der Gesellschaft bald schwindet, sonst werden wir womöglich noch ganz andere Fröste erleben.