Fristlose Kündigung nach gewerkschaftlichem Angestelltenstreik in Südbaden
Gütetermin am 9.2.: Solidarität mit Martin H.!
Der Ingenieur Martin H., Vertrauenskörperleiter bei Tria/Avnet in Eschbach, Südbaden, ist nach einem achtwöchigen Streik um den Erhalt der Tarifbindung für Angestellte fristlos gekündigt worden. Der Vorwurf: Sabotage.
Dies weist Martin H. zurück und klagt mit Unterstützung seiner Gewerkschaft IG Metall auf Wiedereinstellung
Was ist passiert:
Im Sommer 2025 traten über 80 Beschäftigte in einen unbefristeten Streik, nachdem die Unternehmensführung sie aus dem IG-Metall-Tarifvertrag herausgelöst hatte. Zuvor war das Eschbacher Werk in vier Unternehmen aufgespalten worden, sodass Produktionsarbeiter und Ingenieure nunmehr in unterschiedlichen Gesellschaften arbeiteten. Für die ProduktionsarbeiterInnen wurde die Beibehaltung des Tarifvertrages nach ersten Protesten zugesagt, für die Ingenieure und Angestellten allerdings nicht. Auf vier Warnstreiks folgte eine Urabstimmung, in der sich 91,5 Prozent der betroffenen Ingenieure und Angestellten für den unbefristeten Streik aussprachen. „Insgesamt haben wir elf Wochen gestreikt, zwei Wochen vor der Sommerpause und neun danach“, berichtet ein Aktivist. „Es handelt sich nach unserem Wissen um den längsten Angestelltenstreik, den die IG Metall in ihrer Geschichte geführt hat.“
Die Vorgeschichte:
Die Eschbacher Niederlassung zählt um die 280 Mitarbeiter, die Mehrzahl Produktionsarbeiterinnen und Produktionsarbeiter. Hervorgegangen ist sie aus dem Freiburger Großbetrieb Hellige. Zwischenzeitlich zählte sie zu GE Healthcare und MSC. Der jetzige Eigentümer Avnet ist ein internationaler Konzern für Elektronikdistribution mit Sitz in den USA. Die Freiburger Niederlassung war bisher das einzige Werk mit Tarifbindung. „Im Laufe des Streikes bekamen wir immer mehr den Eindruck, dass der Angriff auf unseren Tarifvertrag eine politische Entscheidung war und direkt aus den USA gesteuert wurde. Dazu passte auch, dass die Gewerkschaft als Verhandlungspartnerin nicht akzeptiert wurde, nur der Betriebsrat“, so ein anderer Aktivist. Schon die Vorbereitung des Streiks mobilisierte viele, der IG-Metall-Organisationsgrad unter den Angestellten verdoppelte sich.
Was den Streik ausmachte:
Die Streikenden suchten bewusst die Verbindung zu den Produktionsarbeitern, die in der Angelegenheit kein Streikrecht hatten. Gemeinsam mit ihnen organisierten sie Frühstücke im Betrieb, am Anfang täglich, später zweimal die Woche, sowie wöchentliche Kundgebungen. Außer den IG-Metall-Vertrauensleuten spielte auch eine selbstgewählte Streikleitung eine aktive Rolle. Auch vor dem Hauptwerk in Stutensee fand eine Kundgebung der Streikenden statt. Dabei wurde auch dort für die IG Metall geworben. Solidaritätsbotschaften kamen u. a. von dem Zentrallager in Poing, dem Hauptwerk in Stutensee bei Karlsruhe, der Uniklinik in Freiburg, dem Rüstungskonzern Litef und dem Chiphersteller Micronas in Freiburg, aber auch von FAG / Schaeffler aus Schweinfurt und aus einem Hamburger Betrieb.
Das Ergebnis:
Im November entschieden die KollegInnen, den Streik abzubrechen. Sie stellten in Rechnung, dass durch die Nichtteilnahme an der Produktion nicht die volle Wirkung entfaltet werden konnte, und das Streikbrecherarbeiten durch den hohen Homeoffice-Anteil nicht ganz verhindert werden konnten. Zuvor hatte die Geschäftsleitung in Verhandlungen zugesagt, dass das Werk bis 2030 dieselben Gehaltserhöhungen bekommt wie die anderen deutschen Werke, und dass Löhne und Weihnachtsgeld während der Streikdauer voll gezahlt werden. Das Ziel der Wiedereingliederung in den IG-Metall-Tarif wurde nicht erreicht.
Die enge Verbundenheit und das gegenseitige Vertrauen kann den Kollegen allerdings niemand mehr nehmen. Auch für die vielen anderen Beschäftigten in Südbaden, die aktuell von Arbeitsplatzvernichtung bedroht sind, wurde ein Zeichen gesetzt, sich zu organisieren und Widerstand zu leisten. Die Kollegen sind entschlossen, den Kampf wieder aufzunehmen, wenn das nötig ist.
Die Repression:
Direkt nach dem Ende des Streiks wurde Martin H. freigestellt, kurz darauf folgte die schriftliche fristlose Kündigung. Der Gütertermin findet am 9. Februar am Arbeitsgericht Freiburg statt.