Interview mit einem Kollegen der Bahnsicherheit
"Nicht den Helden spielen, sondern sich auf andere Fahrgäste stützen"
Vor dem Hintergrund der feigen und brutalen Attacke eines Schwarzfahrers auf einen Zugbegleiter der DB, in deren Verlauf der Zugbegleiter zu Tode geprügelt worden war¹, sprach die Rote Fahne Redaktion mit einem Kollegen der Bahnsicherheit:
Rote Fahne: Aufgrund des tragischen Vorfalls des totgeprügelten Zugbegleiters in der Nähe von Kaiserslautern ist derzeit die Sicherheit in Bahnen in allen Medien präsent. Wie sind deine Erfahrungen mit der Sicherheitslage in den Zügen?
Kollege der Bahnsicherheit: Tatsächlich verlaufen die meisten Schichten ruhig und die Masse der Fahrgäste verhält sich korrekt. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass Verrohung und Egoismus zunehmen und dass es häufiger als früher zu feigen Angriffen auf Kollegen oder auch andere Fahrgäste kommt, nicht nur von Schwarzfahrern.
Jetzt werden Rufe nach mehr Polizei laut, was ist davon zu halten?
Nicht viel. Wenn es in den Zügen reale Probleme gibt, schreckt jeder Kollege davor zurück, die Polizei zu rufen. Wenn man nicht gerade zufällig an einem großen Bahnhof ist, muss man aufgrund der bürokratischen Strukturen am nächsten Bahnhof lange Zeit warten, bis die da sind. Die Züge bekommen dann noch mehr Verspätung, der Unmut der Fahrgäste wächst und auch unsere Schicht dauert länger. Hier zeigt sich der gesellschaftliche Trend, dass – trotzdem es heute mehr Polizisten gibt als früher – immer weniger Polizisten für die Sicherheit der Bürger zur Verfügung stehen, während zum Schutz von Wirtschaftsgipfeln oder AfD-Parteitagen Tausende Polizisten überdimensioniert konzentriert werden.
Was ist von Sicherheitspersonal in der Bahn, und der Anschaffung von Bodycams zu halten?
Eine Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen ist sinnvoll, aber das muss im Sinne der Menschen durchdacht werden. Der reale Sicherheitsgewinn von Bodycams ist gering, da die Züge sowieso schon kameraüberwacht sind. Mehr eigenes Sicherheitspersonal der Bahn ist sinnvoll, aber tatsächlich fehlt vielen Kollegen eine gute Ausbildung. Real werden Tausende vom Arbeitsamt in Kurse von Sicherheitsakademien geschickt, die nur darauf abzielen, die theoretische Abschlussprüfung zu bestehen und ein Zertifikat in der Hand zu haben – die praxisbezogene Ausbildung kommt viel zu kurz. Es ist ein Kernproblem bei der Organisierung der Sicherheit, dass Ignoranz, formale Handhabung und Versäumnisse jahrelang „gut gehen“ bzw. nicht auffallen, wenn dann aber irgendwann doch was passiert, kommt das böse Erwachen.
Was sind deine Hinweise im Hinblick auf die Meisterung brenzliger Situationen in der Bahn?
Brenzlige Situationen stehen nicht im Dienstplan, insofern ist eine wesentliche Anforderung die notwendige Aufmerksamkeit, um nicht überrascht zu werden. Man darf nicht naiv werden, nur weil die Masse der Schichten ruhig verläuft. Dann ist es wichtig, sich nicht provozieren zu lassen und zu versuchen, zu deeskalieren. Wenn das nicht gelingt, nicht den Helden spielen, sondern sich auf andere Fahrgäste stützen und diese miteinbeziehen. Ich selber betreibe auch regelmäßig Kampfsport und Selbstverteidigung. Das dient neben der sportlichen Seite zum Erhalt der Gesundheit auch der Eigensicherheit. Das kann ich gerade in der heutigen Zeit jedem empfehlen, ebenso die Auffrischung von Erste-Hilfe-Kursen.