Interview iranischer Marxist-Leninist

Interview iranischer Marxist-Leninist

Aktuelle Aufstandswelle

So kam es beispielsweise in der jüngsten Welle nach der Ermordung von Jina Amini zu jahrzehntelang unterdrückten demokratischen Kämpfen im ganzen Land.

Frauen, Jugendliche und unterdrückte soziale Gruppen fanden eine Gelegenheit, auf die Straße zu gehen, um gegen systematische Unterdrückung, diskriminierende Gesetze und die Verweigerung grundlegender Freiheiten zu protestieren.

 

Die aktuelle Welle von Aufständen ist jedoch anders. Sie wurde durch rein wirtschaftliche Gründe ausgelöst – insbesondere durch die drastische Abwertung der Landeswährung. Natürlich war dies nur der unmittelbare Auslöser. Jeder Aufstand hat eine lange Geschichte, und diese unerträgliche wirtschaftliche Situation ist eng mit jahrelangen demokratischen Kämpfen und mit Unterdrückung verbunden. Was diesen Moment jedoch auszeichnet, ist, dass demokratische Forderungen nicht mehr explizit artikuliert werden. Man hört kaum noch Parolen, die Reformen, Rechte oder Freiheiten fordern. Stattdessen lautet die vorherrschende und fast universelle Parole: „Das islamische Regime muss weg.“

 

Heute erleben wir, wie Menschen aus den tiefsten Schichten der Gesellschaft – Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben – auf die Straße gehen. Ihre Forderungen sind radikal wirtschaftlicher Natur und haben ihre Wurzeln im bloßen Überleben. Unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen gibt es für sie keine Zukunft, und diese Realität treibt sie in eine offene Konfrontation mit dem Regime. Das macht den Aufstand extrem radikal. Die Menschen sind bereit, ihr Leben zu riskieren; sie haben das Gefühl, bereits alles verloren zu haben. Deshalb besteht hier ein echtes Potenzial für tiefgreifende und radikale Veränderungen, weit über das hinaus, was wir in früheren Protestbewegungen gesehen haben.