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Sabotage an Kraftwerk: Antwort eines Arbeiters an die Anarchisten auf dem Holzweg

Nach einem Brandanschlag auf eine wichtige Stromleitung waren in Berlin zeitweise etwa 45.000 Haushalte und 2.000 Gewerbebetriebe ohne Strom. Viele Schulen und KiTas bleiben zunächst geschlossen. Das ist besonders in dieser Jahreszeit eine Belastung für viele Menschen. In dem Bekennerschreiben erklärt die anarchistische „Vulkangruppe“, sie wollte nur reiche Haushalte treffen, was offenbar so nicht gelungen ist. Nicht ausgeschlossen werden kann auch eine gezielte Provokation.

Von fh
Sabotage an Kraftwerk: Antwort eines Arbeiters an die Anarchisten auf dem Holzweg
(shutterstock_2667158927)

Der regierende Bürgermeister Kai Wegener (CDU) schickt seine Bauarbeiter in die Kälte, lässt sich nur mal kurz für einen Fototermin blicken: „Ich habe mich in mein Zuhausebüro eingeschlossen.“ 13 geschlagene Stunden dauerte es, bis überhaupt der Krisenstab installiert war! Wegeners Innensenatorin Iris Spranger wettert gegen angeblichen „Linksterrorismus“. Man wird das Gefühl nicht los, dass es ihnen nicht ungelegen kommt, eine Woche vor der großen sozialistischen LLL-Demonstration ungehemmt gegen Linke hetzen zu können. Unterdessen organisieren sich die Leute in Berlin, helfen sich gegenseitig, bieten Schlafplätze an, kochen warme Mahlzeiten für die Familien ohne Strom ...

Hier die Sicht eines Arbeiters

Liebe Anarchistinnen und Anarchisten,

 

gehen wir mal davon aus, dass ihr von der sogenannten „Vulkangruppe“ den Anschlag auf die Stromleitung in Berlin gemacht habt. Ich möchte euch zurufen: „Eure Aktion zur Zerstörung der Stromleitung in Berlin ist eine katastrophale Dummheit.“ Ich habe mir die Mühe gemacht, euer neun Seiten langes „Bekennerschreiben“ zu lesen. Wenn ihr eure Energie darauf verwendet hättet, mit auch nur einem Arbeiter oder einem Mieter in Berlin über die globale Umweltkatastrophe und die Ursachen zu sprechen, hättet ihr vielleicht etwas Positives bewirken können. So aber habt ihr der Umweltbewegung, der Arbeiterbewegung und allen fortschrittlichen Menschen einen Bärendienst erwiesen.

 

Ihr wollt die Zerstörung unseres Planeten stoppen. Die Ursache dieser Zerstörung ist nicht einfach die Gier von Menschen oder unsere angeblich „imperiale Lebensweise“, sondern es ist der Kapitalismus. Es ist ein System, das gesetzmäßig auf Ausbeutung von Mensch und Natur angewiesen ist, das ohne ständiges Wirtschaftswachstum, ohne ständig gesteigerte Ausbeutung der Arbeiter und ohne Zerstörung der Erde nicht existieren kann. Ein solches System kann niemals durch Sabotage überwunden werden.

 

Die Aktion wird von den großen Medien als „linksextremistisch“ dargestellt und für entsprechende Hetze genutzt. Kai Wegener vornedran. Er kümmert sich nicht im Geringsten um die Menschen in Berlin, aber wer den Anschlag verübt hat, glaubt er ganz genau zu wissen. Antikommunistische hetzen kann man ja auch aus dem Heimbüro heraus. Allerdings liefert ihr Munition für Hetze und Kriminalisierung gegen Linke und Umweltschützer. Ihr verbreitet selbst Antikommunismus, wenn ihr China als kommunistische Diktatur bezeichnet, wenn ihr Kommunisten beschimpft, sie würden angeblich eine „Galerie der Köpfe“ verehren. Hättet ihr die Schriften von den „Köpfen“ wie Marx und Lenin verstanden, wäre euch eine solche Aktion wohl nicht passiert.

 

Ehrlich gebt ihr zu: „Wir sagen nicht, wir wüssten den Ausweg.“ Ich nehme euch ab, dass ihr verzweifelt seid. Das ist die Grundhaltung des Anarchismus. Aber ist es nicht arrogant, wenn man selbst keinen Ausweg weiß, anderen die eigene Verzweiflung aufdrängen zu wollen? Ihr greift die Suche nach Alternativen und nach Organisiertheit an, wenn ihr schreibt: „Komm uns bitte nicht mit den Parteien.“ Die Arbeiterklasse braucht eine revolutionäre Partei, um das kapitalistische System überwinden zu können. Ein zerstörerisches Gesellschaftssystem wie der Kapitalismus kann nicht durch Nadelstiche geändert werden, es muss als System überwunden werden. Und es gibt nur eine Alternative dazu: Ein System, das mit der Natur harmoniert, das menschliche Bedürfnisse nicht am Wirtschaftswachstum misst: Der echte Sozialismus.

 

Ihr wolltet mit eurer Aktion nicht die armen Menschen in Berlin treffen. Aber eure Grundhaltung ist massenfeindlich. Ihr beschuldigt uns alle pauschal, wir würden eine „imperiale Lebensweise“ führen und andere dafür bezahlen lassen. Dabei wissen Millionen in diesem reichen Land nicht, wie sie jeden Monat ihre Miete bezahlen sollen. Menschen, die vielleicht gedankenlos auf ihr Handy fixiert sind, beschuldigt ihr, an dem zerstörerischen System „mitzuwirken“. Ihr versteht nicht, dass es weltweit eine Klasse der Ausbeuter gibt und eine Klasse der Ausgebeuteten. Nicht wir Arbeiter sind die Ausbeuter des „globalen Südens“, sondern die Arbeiter im Norden und Süden werden nur im gemeinsamen Zusammenschluss stärker als die winzige Handvoll Konzerne, die die Welt beherrschen.

 

Ihr schreibt: „300 Superreiche emittieren mehr CO2 wie die 110 ärmsten Länder der Welt.“ Aber schon drei Sätze weiter stellt ihr diese Erkenntnis der klassenmäßigen Ursachen schon wieder auf den Kopf: „Ihre Gier nach noch mehr Reichtum und Macht setzt den Maßstab, dem alle folgen.“ Dem alle folgen? Das kann man doch wirklich nicht sagen. In der Umweltbewegung wird breit diskutiert, dass man sich gegen das Konzept von schrankenlosem Wachstum einsetzen muss. In vielen Ländern gibt es Massenbewegungen gegen die von der Gier der Reichen getriebene Korruption. Und wenn Menschen in ihrer Lebensweise von der kleinbürgerlichen Denkweise beeinflusst sind, muss man sich mit ihnen auseinanderstezen. Vielleicht geben euch diese Anmerkungen Anlass zum Umdenken? Dann hätte das Ganze einen Nutzen.

 

Nachwort der Redaktion: Natürlich braucht eine Großstadt viel Energie, auch wenn Rechenzentren für die Produktion von Bitcoins im Sozialismus sicher nicht gebraucht werden. Aber warum gibt es eigentlich keine dezentrale, vernetzte Energieversorgung auf nachhaltiger Grundlage? Die MLPD fordert seit langem Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden und Gewerbegrundstücken. Parkplätze können mit Solaranlagen überdacht werden. Dazu Energie aus Wind, Wasser und Biomasse aus dem Umland, flexibel kombiniert mit Speichern – die Energieversorgung einer Millionenstadt darf nicht von einzelnen fossilen Kraftwerken abhängen.

 

Für das Debakel ist der Berliner Senat mit verantwortlich.