Vierschanzentournee im Skispringen
Millimeter entscheiden - aber anders als man denkt...
Skispringen - Ein besonders faszinierender Sport. Kaum eine andere Sportart erfordert soviel Mut und technische Perfektion. Sich aus weit über 100 Metern Höhe von der Sprungschanze möglichst weit weg zu katapultieren und gleichzeitig elegant und sicher zu landen!
Der offizielle Weltrekord im Skifliegen liegt aktuell bei 254,5 Metern bei den Männern und 236 Metern bei den Frauen. Je nach Größe der Sprungarena pilgern bis zu 25.000 Fans zu den internationalen Weltcup-Wettbewerben. Bei jedem Event herrscht ausgelassene und friedliche Volksfeststimmung. Bejubelt wird ausnahmslos jeder Sprung – egal welcher Nationalität. Geradezu legendär war in den 90er Jahren die Beliebtheit des (damals einzigen) englischen Skispringers Michael Edwards “Eddie the Eagle“. Er belegte regelmäßig die letzten Plätze. Trotzdem wurde er mit „Eddie, Eddie!“ Rufen von allen Fans begeistert angefeuert.
Die Vierschanzentournee (Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck, Bischofshofen) ist ein jährlicher Höhepunkt, der im Fernsehen weltweit übertragen wird. Das macht diesen Sport für lukrative Werbeträger interessant. Entsprechend üppig sind die Preisgelder. Bis zu 6 stelligen Summen kann der Sieg eines Weltcup-Springens einbringen (Allerdings nur bei den Männern). Zusätzlich zu dem Druck nationalen Prestigeerwartungen gerecht zu werden, erwarten auch die großen Sponsoren gute Ergebnisse. Sven Hannawald (Erster Skispringer, der 2001 alle 4 Einzelspringen der Vierschanzentournee gewann) musste 2005 wegen schwerem Burn-Out-Syndrom und Magersucht seine einzigartige Karriere beenden. Um durch extremes Untergewicht einen Konkurrenzvorteil zu erlangen, wog er bei einer Körpergröße von 1,87 m nur noch knapp über 60 Kilo. Das veranlasste den Weltdachverband FIS ab 2004 ein Mindestgewicht für Skispringer vorzuschreiben.
Aktuell erschüttert ein anderer Skandal die Glaubwürdigkeit eines ehrlichen Wettbewerbs beim Skispringen. Im März letzten Jahres ist durch ein Video bei der Skisprung-WM in Trondheim bei der norwegischen Mannschaft eine unzulässige Manipulation ihrer Skianzüge (zusätzliche Nähte zur Versteifung) aufgeflogen. Sicher kein Einzelfall. Wen soll man jetzt als Sieger bejubeln? Den Athleten oder seinen kreativen Anzugschneider? Dazu muss man wissen, das bei dem hohen Niveau der Sprünge schon 1 cm mehr Fläche am Skianzug ausreichen kann, um den Athleten mehrere Meter weiter zu tragen. Deswegen werden die Skianzüge sowohl vor, als auch nach den Sprüngen auf die vorgegebenen Maße hin kontrolliert. Wegen des Vorfalls in Trondheim müssen die Anzüge jetzt wesentlich enger genäht und strenger kontrolliert werden. Aktuell wurde der in Garmisch-Partenkirchen zweit platzierte Slowene Timi Zajc wegen wenigen Millimetern Überlänge der Hosenbeine gleich 2 mal disqualifiziert.
Plötzlicher Leistungseinbruch nach neuen Regeln
Doch das eigentlich beschämende an dieser Angelegenheit ist das oberpeinliche Drumherumgerede des deutschen Skiverbandes, mit loyaler Unterstützung der Medien, über die Ursachen des plötzlichen Leistungsabfalles der deutschen Skispringer Karl Geiger und Andreas Wellinger. Seit den verschärften Skianzugregeln schafften sie es zum Teil nicht mal in die Qualifikation. Für jeden, der 1 und 1 zusammenzählen kann, hatten ihre bisherigen guten Weiten mehr als offensichtlich mit der besonderen Kreativität ihres Anzugschneiders zu tun. Dessen Schneiderkunst wurde jetzt durch die neuen Regeln allerdings drastisch eingeschränkt. Auf irgendein ehrliches, selbstkritisches Eingeständnis wartet man vergeblich. Stattdessen werden die neuen deutschen Hoffnungsträger Philipp Raimund und Felix Hoffmann, die offensichtlich keine Probleme mit den neuen Regeln haben, in altbekannter reißerischer Manier hoch gepuscht (Sport1 Online-Portal: „Stürzt deutsches Duo den Dominator Prevc?“) Wem soll man auf Dauer noch trauen, wenn kameradschaftlicher Sportsgeist und Gemeinsinn dermaßen untergraben werden?
Im Juni 2021 riefen die Stiftung Deutsche Sporthilfe und ihr Vorstandsvorsitzender Thomas Berlemann zu einer Kampagne »Germany United« auf:
»Wir als Sporthilfe wollen gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, aus den Medien und natürlich aus dem Sport ein neues Wir-Gefühl in Deutschland entfachen.« (S.158 aus dem Buch: Die Krise der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur)
Mit Tricksereien, Betrug, Rekordprämien und national übersteigertem Konkurrenzdenken? Auf so ein Wir-Gefühl können wir verzichten!