Abwälzung der Krisenlasten
Arbeitslosigkeit das vierte Jahr in Folge deutlich gestiegen
Die offiziell gemeldete Zahl der Arbeitslosen ist in Deutschland 2025 auf rund 2,95 Millionen gestiegen, das sind 161.000 mehr als 2024. Die Arbeitslosenquote stieg auf 6,3 Prozent aller Erwerbstätigen.
„Dem Arbeitsmarkt fehlt weiterhin wirtschaftlicher Rückenwind. Auch zum Jahresende hält daher die schwache Entwicklung an“, erklärte dazu die Chefin der Bundesanstalt für Arbeit (BA) Andrea Nahles.
Diese Kennzeichnung der Situation verharmlost die Entwicklung erheblich. Denn die offizielle Zahl der Arbeitslosen seit 2022 ist von 2,42 Millionen bis heute um fast 25 Prozent gestiegen. Tatsächlich haben wir es in Deutschland nicht mit „fehlendem Rückenwind für den Arbeitsmarkt“, sondern mit einer lang anhaltenden tiefen Wirtschaftskrise zu tun, deren Lasten vor allem auf die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Industrie abgewälzt werden. Zwischen Januar und September 2025 vernichteten allein die 100 größten deutschen Unternehmen 17.500 Arbeitsplätze. Seit 2023 summiert sich das auf rund 100.000 Jobs. (1) Angekündigt haben sie noch eine weitaus größere Arbeitsplatzvernichtung.
Außerdem nahm die Zahl der Firmenpleiten 2025 stark zu. 17.604 Insolvenzen wurden verzeichnet – der höchste Stand seit 2005. Insgesamt fielen etwa 170.000 Arbeitsplätze den Insolvenzen zum Opfer. Das ist ein sehr hoher Wert. Wie bereits im Jahr 2024 entfiel auch 2025 der größte Anteil der betroffenen Arbeitsplätze mit rund 62.000 Jobs auf Industriebetriebe. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. In der industriellen Produktion sank die Beschäftigtenzahl 2025 insgesamt um 143.000. Im Baugewerbe ging die Beschäftigung um 23.000 zurück. Zugenommen hat dagegen die Beschäftigung in Dienstleistungsberufen.
Scheinbar im Widerspruch zu dieser Entwicklung stieg der deutsche Leitindex DAX am vorigen Mittwoch zum ersten Mal über die Marke von 25.000 Punkten. Die Erklärung dafür ist, dass die DAX-Konzerne weltweit tätig sind und rund 80 Prozent ihrer Umsätze und weiterhin hohe Gewinne im Ausland erzielen. Bei den deutschen Tochterbetrieben von 23 der 40 DAX-Konzerne gingen dagegen die Umsätze zurück und die Gewinne brachen ein.
„Die Chance einer Beendigung von Arbeitslosigkeit durch Beschäftigungsaufnahme liegt damit auf einem historisch niedrigen Niveau“, ist die lapidare Bemerkung von Andrea Nahles dazu. Und wie passt das zu den verschärften Sanktionen gegenüber Bürgergeld-Empfängern, denen völlig zu Unrecht vorgeworfen wird, massenhaft Jobangebote abzulehnen?
Zudem ist die reale Zahl der Arbeitslosen deutlich höher als die offiziell ausgewiesene Zahl. Denn zusätzlich zu den offiziell arbeitslos Gemeldeten kommen „verdeckte Arbeitslose“ und eine so genannte „stille Reserve“. Verdeckte Arbeitslose sind Teilnehmer an staatlichen Maßnahmen, Beschäftigte in Kurzarbeit (durchschnittlich laut Bundesagentur für Arbeit 2025 etwa 300.000) und kurzfristig Arbeitsunfähige. Ihre Zahl nahm zusammen gegenüber 2024 um 50.000 auf insgesamt 700.000 zu. Weiter dazu gerechnet werden muss die stille Reserve. Das sind Personen, die gerne arbeiten würden, aber nicht arbeitslos gemeldet sind. Das sind noch einmal ca. 380.000 Leute. Insgesamt beträgt die Arbeitslosigkeit also etwa 4,2 Millionen Menschen. Die Arbeitslosigkeit beträgt real also nicht 6,3 Prozent sondern mindestens 9 Prozent aller Erwerbstätigen.
„Unter Berücksichtigung der sogenannten 'verdeckten Arbeitslosigkeit' bzw. der 'Stillen Reserve' liegt die gesamte Unterbeschäftigung2 in der Bundesrepublik Deutschland um etwa 36 Prozent höher als die offizielle Arbeitslosenzahl.“3 Verschiedene Experten z.B. des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsförderung (IAB) schätzen die verdeckte Arbeitslosigkeit plus die stille Reserve sogar noch weit größer ein. Sie rechnen mit ihrer doppelten bis dreifachen Anzahl.
„Es deutet aber einiges darauf hin, dass wir die Talsohle erreicht haben“, versucht Andrea Nahles ohne jeglichen tragfähigen Beleg Optimismus zu verbreiten. Der Rückgang der Kurzarbeit in den letzten Monaten – was für Frau Nahles dafür spricht - ist aber kein Hinweis darauf, dass die Arbeitsplatzvernichtung nachlässt. Im Gegenteil! Offenbar wird jetzt statt zu Kurzarbeit gleich zu Entlassungen gegriffen. Darauf weist auch hin, dass die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften 2025 deutlich nachließ. Im Schnitt gab es 62.000 Stellenangebote weniger als im Vorjahr. Diese Zahl offener Stellen war so niedrig wie seit 25 Jahren nicht mehr. Und im Dezember ging die Nachfrage nach Arbeitskräften noch weiter zurück.
Statt aus der Luft gegriffenen Vermutungen zu vertrauen, steht der konsequente Kampf um jeden Arbeits- und Ausbildungplatz auf der Tagesordnung. Wir müssen uns auf härtere Klassenauseinandersetzungen einstellen. Über Konzern- und Landesgrenzen hinweg gilt: Für die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich zum Erhalt und zur Schaffung von Arbeitsplätzen! Die Vernichtung von Arbeitsplätzen ist aber eine gesetzmäßige Folge der kapitalistischen Produktionsweise und ihrem Krisenchaos. Sie kann ohne gesellschaftsverändernden Kampf nicht überwunden werden. Deshalb ist in den Betrieben die Diskussion über eine sozialistische Alternative notwendiger denn je. Stärkt die MLPD und ihre Betriebsgruppen!