Dokumentiert aus dem Rote-Fahne-Magazin

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Offene Soziale Netzwerke: Facebook ist nicht alternativlos

Elon Musk, Mark Zuckerberg – immer mehr Tech-Monopolisten schwenken offen zum modernen Faschismus. Ihre Beherrschung moderner Kommunikationswege wird damit zur akuten Gefahr. Wie ist das einzuschätzen, und was kann man dem entgegensetzen? Darüber sprechen wir mit Erik Uden, Mastodon-Entwickler und Administrator von Mastodon.de

Offene Soziale Netzwerke: Facebook ist nicht alternativlos
Erik Uden präsentiert Server, auf denen auch ein Teil des Mastodon-Netzwerks läuft. (Bild: Erik Uden)

Rote Fahne: Welchen Einfluss haben Tech-Monopolisten auf ihre „sozialen“ Netzwerke und damit auf uns?

 

Erik Uden: Ich glaube, die Kontrolle kann praktisch nicht überschätzt werden. Eigentlich können wir nicht einmal erfassen, wie viel Wahlbetrug wahrscheinlich über diese Plattformen geschieht. Sie beherrschen mit den sozialen Netzwerken etwas, das einst als öffentlicher Raum bezeichnet wurde. Das stimmte nie, doch wir erleben jetzt erstmals die *offene* Instrumentalisierung dieses Raums. Firmen sind profitorientiert und damit käuflich. Milliardäre fördern Trump, denn Trump fördert ihre Plattformen genau mit dem, was sie brauchen: Aufregung, Klicks, Views.

 

Deswegen haben wir uns dazu entschieden, soziale Plattformen zu entwickeln, bei denen es fundamental unmöglich ist, dass jemand sie aufkauft und missbraucht!

 

Rote Fahne: Was heißt das in der Praxis?


Erik Uden: Die Unterschiede zu Twitter/X sind nicht auf der Oberfläche zu erkennen, sondern strukturell: Mastodon gehört niemandem, hat keine Werbung und kann deine Daten nicht verkaufen. Es ist ein öffentliches Gut und wird gemeinschaftlich entwickelt.

 

Das Mastodon-Netzwerk ist auf Zehntausende Server weltweit aufgeteilt, aber es macht keinen Unterschied, auf welchem dieser Server man registriert ist, denn es funktioniert *wie* eine große Plattform. Man kann jedem überall folgen – das erschwert oder verunmöglicht Manipulation sowie Zensur.

 

Rote Fahne: Welche Rolle spielen dabei eigentlich Algorithmen?

 

Erik Uden: Das ist die entscheidendste Frage! Wenn man zum Beispiel einen Beitrag von einer marxistischen Organisation auf Twitter, Facebook und Co. öffnet, ist das oberste Kommentar fast immer eine Hasstirade eines Neu-Rechten – ob diese für einen relevant ist oder nicht.

 

In Teilen kann man behaupten, dass das Absicht ist, da es den Milliardären ideologisch nützt, aber das Perfide geht tiefer: Der Hauptzweck der Algorithmen ist es, die Verweildauer auf ihrer Plattform zu erhöhen, da so mehr Werbung gezeigt werden kann. Der Algorithmus zeigt dir somit etwas, das eine starke emotionale Reaktion auslöst – meistens Wut, Hass, Verunsicherung, Angst. Das weckt Aufmerksamkeit.

 

Möglicherweise diskutiert man dann stundenlang mit diesem Neu-Rechten – Ziel erreicht. Social-Media-Algorithmen ist es egal, ob sie durch ihre Aktionen den Nährboden für den Faschismus bereiten oder dir Katzenvideos zeigen.

 

Mastodon braucht keine Algorithmen. Das erfordert eine Umgewöhnung, doch genau darin liegt die Selbstermächtigung! Man kontrolliert seine Informationsquellen, und es kann nichts ungewollt auf den eigenen Bildschirm gespült werden – weder weil jemand dafür bezahlt hat, noch um einen wütend zu machen.

 

Das ist ein derart befreiendes Gefühl, dass kapitalistische soziale Netzwerke für viele Mastodon-User langfristig unbenutzbar werden.

 

Vielen Dank für das Interview!