Revolutionärer Weg 39

Revolutionärer Weg 39

Ist eine Würdigung von Friedensreich Hundertwasser wirklich angemessen?

Auf ihrer Webseite veröffentlicht die Redaktion des theoretischen Organs der MLPD, des Revolutionären Weg, Rezensionen und Briefwechsel zu verschiedenen Produkten und Aspekten ihrer theoretischen Arbeit. Am 22. März erschien ein Briefwechsel zu Friedensreich Hundertwasser. Rote Fahne News dokumentiert Auszüge.

Briefwechsel

Eine Genossin schrieb an die RW-Redaktion:

Liebe Genossinnen und Genossen, verblüfft las ich im RW 39 »Die Krise der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur« den Satz: „Im Gegensatz zu einer von den Massen abgehobenen Kunst entwickelte Friedensreich Hundertwasser eine Architektur und Malerei, die der Menschenwürde und der Einheit mit der Natur gerecht werden sollte. Bewusst und mit persönlichem Einsatz unterstützte er die Umweltbewegung.“ (S. 61)

 

(...) Hundertwasser ist sicherlich populär und macht gute Geschäfte, weil seine farbenfrohen Bilder und Häuser viele Menschen ansprechen. Aber er ist in Bezug auf die Architektur auch kritikwürdig (ich meine persönlich auch kitschig) mit unsinnigen Türmchen und Erckerchen – angeblich als Gegenmodell zur »Betonarchitektur« – aber eben auch gegen den Bauhausstil, der die Trennung von innen und außen aufhob und alltagstaugliche Architektur (im selben Buch positiv bewertet) entwickelt hat, die heute von den Faschisten heftig attackiert wird.

 

Aber auch in seinem Einsatz für die Umweltbewegung war Hundertwasser ein esoterischer Mystiker, mit Ideen vom Rückzug in die Natur, »Humusklos« usw. Politisch sprach er sich für eine konstitutionelle Monarchie aus! ...

 

Was aber meiner Meinung nach der Gipfel ist und weshalb er keinesfalls positiv bewertet werden kann: Mitten in Wien hat er eine Müllverbrennungsanlage umfangreich kunterbund dekoriert (mit Kügelchen, Zwiebeltürmchen ...). So wird eine so naturzerstörende Anlage, gegen die es meines Wissens heftige Proteste gab, den Massen gar als lieblich und naturverbunden schmackhaft gemacht.

Aus der Antwort der RW-Redaktion

Liebe Genossin, das Buch von Stefan Engel »Die Krise der bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, der Religion und der Kultur« äußert sich hier sehr kurz und würdigt Friedensreich Hundertwasser vor allem im Gegensatz zu der von den Massen abgehobenen Kunst Gerhard Richters, die sich als »ideologiefrei« darstellt. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch kritisch zu beurteilen wäre. Das sagt das Buch auch nicht.

 

Hundertwasser wurde deshalb aufgenommen, weil er unter den Massen sehr bekannt und auch bei vielen beliebt ist. Er schrieb selbst zur Architektur: »Eigentlich kann jeder im Industriegelände bauen, wie er will, ohne irgendwelche Mindestanforderungen an Ästhetik, Menschenwürde und naturgerechtem Bauen. … Im Industriebau wurde sehr gesündigt. Mehr gesündigt als in den Städten, an Menschen, die in den sterilen menschenunwürdigen Industriebauten mehr Zeit verbringen als zu Hause.«

 

Daraus spricht die im Buch genannte Naturverbundenheit und Bezogenheit auf die Massen. ... Er war selbst ein sehr idealistisch geprägter, aber aktiver Umweltschützer. Er gestaltete Poster u.a. für die Rettung der Meere, für den Schutz des Regenwaldes und gegen die Kernenergie, die in hohen Auflagen gedruckt wurden und deren Verkaufserlöse an Umweltinitiativen und Umweltorganisationen gespendet wurden. Er hatte zunächst prinzipielle Widersprüche zur Gestaltung der Müllverbrennungsanlage in Wien. Erst als ihm versichert wurde, dass es nicht möglich sei, allen Müll Wiens zu vermeiden oder zu recyclen, modernste Filtertechnik zur Luftreinhaltung eingebaut wird und damit 60.000 Wohnungen mit Fernwärme versorgt werden können, erklärte er sich dazu bereit. Das ist natürlich trotzdem kritikwürdig, aber du stellst das dar, als hätte er sich willentlich an Greenwashing beteiligt. ... Deine Beurteilung bezieht sich sehr einseitig nur auf die kritikwürdigen Fragen. ... Im Buch geht es ja aber eben darum, der bürgerlichen Kultur auch das Fortschrittliche abzuringen im Kampf gegen kleinbürgerlich-sektiererische Kritiken.

 

Herzliche Grüße
Deine RW Redaktion

 

Der Briefwechsel im Original ungekürzt hier auf der Webseite der RW-Redaktion, die diese Seite jeden Freitag mit Neuem bestückt.