Leichtathletik-Europameisterschaft 2024
Begeisternde Wettkämpfe und eine deutsche EM-Bilanz mit Licht und Schatten
In dieser Saison jagt ein sportliches Highlight das andere. Seit gestern Abend richtet sich der Fokus vieler Sportbegeisterter auf den Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland, nachdem erst am Mittwoch eine in vielerlei Hinsicht begeisternde Leichtathletik-EM zu Ende ging.
Dort rissen nicht nur die Athleten aus Italien, sondern auch aus anderen Ländern die italienischen Fans zu wahren Begeisterungsstürmen hin, die in dieser Disziplin auch Gold verdient hätten. Mit elf Gold-, neun Silber- und vier Bronzemedaillen ließ Italien die anderen beteiligten Nationen weit hinter sich.
Aus deutscher Sicht offenbarte diese EM viel Licht, aber auch viel Schatten auf dem Weg zu den olympischen Spielen in Paris in 42 Tagen. Erst am letzten Wettkampftag sorgten die deutschen Athleten mit ihrem erfolgreichsten Abschneiden richtig für Aufsehen mit dem Höhepunkt der einzigen Goldmedaille für die Weitspringerin Maleika Mihambo und schönen Erfolgen bei den Sprintstaffeln sowie beim Speerwurf. Ebenfalls für Licht sorgten etliche der 16 Athletinnen und Athleten, die erstmals bei einer internationalen Meisterschaft starteten wie Olivia Gürth, die gemeinsam mit der Silbermedaillengewinnerin Gesa Krause trainiert und beim 3000-m-Hindernis-Finale einen ausgezeichneten 11. Platz errang. Und im Weitsprung wächst mit Mikaelle Assani für Maleika Mihambo eine ernsthafte Konkurrenz heran: Mit hervorragenden 6,91 Metern landete sie auf dem hervorragenden 4. Platz und verfehlte nur knapp das Treppchen. Insgesamt kann man sagen, dass im deutschen Leichtathletik-Verband in vielen Disziplinen ein vielversprechender Generationswechsel begonnen hat.
Die spektakulären Erfolge der italienischen Leichtathleten nur mit der Unterstützung des heimischen Publikums zu erklären, greift allerdings zu kurz, zumal das Olympiastadion bei den Titelkämpfen anfangs wegen der hohen Ticketpreise nur sehr spärlich gefüllt war.
Unter dem etwas sperrigen Programmnamen ″Leichtathletik-Horizont 2021-2028“ ist es im italienischen Verband gelungen, dass sich die Athletinnen und Athleten komplett auf den Leistungssport konzentrieren können - auch außerhalb des Militärs. Während in Deutschland viele Kaderathleten, die nicht bei der Bundeswehr oder -polizei sind, ein zweites Standbein benötigen, um finanziell überhaupt über die Runden zu kommen, können sich in Italien die hoffnungsvollsten Talente wie die gestandenen Spitzenkönner voll auf den Sport konzentrieren.
Eine Reform, die allerdings das grundlegende Dilemma des kapitalistischen Spitzensports nicht außer Kraft setzt. Sie treibt im Gegenteil die kapitalistische Maxime „Leistung und Sieg um jeden Preis“ noch weiter auf die Spitze und nährt den bürgerlichen Starkult, dem auch auf dieser EM unübersehbar gehuldigt wurde. Besonders krass zu beobachten bei Gianmarco Tamberi, dem italienischen Hochsprung-Champion, der nach seinem Sieg bei den letzten olympischen Spiele jetzt auch Europameister wurde. Er lieferte einen überragenden Wettkampf. Doch seine gleichzeitig inszenierten Show-Einlagen hinterließen ein schales Gefühl.
So gesehen war die Leichtathletik EM 2024 eine lehrreiche und vielversprechende Generalprobe für die Olympischen Spiele in Paris. Aber jetzt dreht sich alles um König Fußball bei der Heim-EM, die auch in den deutschen Stadien „italienische“ Begeisterung entfacht.