Gespräch mit einer Kassiererin
„Wir sind nicht dumm ...“
„Vor zwei Jahren hätte der Einkauf noch die Hälfte gekostet“, sagt die Kassiererin. Ich bin gerade der einzige Kunde, so kommt sie hinter ihrer Kasse hervor. Ich schaue auf meinen Bon: Ein Paar Oberländer Bratwürste 3,29 EUR; Kartoffeln, festkochend, 2 kg 2,99 EUR - Summe 6,28 EUR, steht da.
„Ich habe so einen Hals“, ihre Hände markieren einen kräftigen Birkenstamm. „Dies ständige gegeneinander hetzen der Leute!“
Ich denke mir, als Verkäuferin wird sie nicht viel verdienen: „Und da liest man in der Zeitung, die Reichen werden immer reicher“, sage ich, „Das ist das Problem, sie erdrücken die ganze Gesellschaft mit ihrem Gewinnstreben.“
„Ja, ich habe zur Chefin gesagt, als am 8. Januar so viele Leute auf der Straße waren, dass wir da auch hin sollten. Gegen die Regierung. Mit den Bauern, den Handwerkern.“
„Oder wie die GDL bei der Bahn,“ ergänze ich. „Da ist es doch genauso: der Bahnvorstand lässt alles verkommen, kassiert Prämien. Aber wenn die, die arbeiten, mehr wollen, geht das nicht. Ihr Streik ist richtig, diese Woche wollen sie wieder streiken. Wir, die arbeiten, müssen zusammenhalten. Gegen die Regierung, die die Reichen bedient, denn der Kapitalismus ist das Problem. Unser Protest ist links.“
Sie nickt. „Ich bin Russlanddeutsche,“ wechselt sie das Thema, „ich höre auch die andere Seite. Und ich habe eine Schwester in der Ukraine, Odessa, zwei Brüder wohnen in der Nähe von Moskau. Wir sind nicht dumm!“
„Ist es da nicht genauso: das russische und das ukrainische Volk werden gegeneinander gehetzt. Putin und Selenskyj laufen die Leute davon. Die Menschen wollen keinen Krieg.“
Sie gibt mir recht, dann fällt ihr ein, dass das alles gar nicht so einfach ist und sie wechselt wieder auf ihr erstes Thema: „Dann hat die Chefin gesagt, wer zu den Demonstrationen geht, wird entlassen!“
„Dann müsst ihr alle geschlossen hingehen. Das muss man dann organisieren.“
„Ja, aber das müssten ja dann alle Filialen tun!?“ Inzwischen wartete der nächste Kunde, so dass wir dieses Gespräch bei anderer Gelegenheit fortsetzen müssen werden…