Thüringen
Bauernprotest in Erfurt - Die Stimmung war polarisiert
Am Montag, dem 8. Januar 2024, kamen trotz minus 6 Grad und leichtem Schneefall aus allen Teilen Thüringens insgesamt 2.000 Traktoren und andere landwirtschaftliche Zugmaschinen nach Erfurt zur landesweiten Kundgebung des Deutschen Bauernverbands, an der sich insgesamt 4.500 Menschen beteiligten.
Viele Straßen in der Landeshauptstadt (und weiteren Teilen Thüringens) waren während der An- und Abreise blockiert. Die Traktor-Schlangen auf den Straßen, die zur Kundgebungskreuzung führten, waren hunderte Meter lang. An einer dieser Straßen wurden die Bauern, die ihre Traktoren dann abstellten und zu Fuß zur Kundgebung liefen, von einer Kundgebung der MLPD begrüßt. Entsprechend der ZK-Erklärung solidarisierten wir uns mit den Anliegen der Klein- und Mittelbauern, attackierten die kapitalistische monopolisierte Lebensmittelindustrie und riefen zum gemeinsamen Kampf gegen Regierung und Monopole auf.
Einen besonderer Schwerpunkt legten wir auf den Kampf gegen die Demagogie der AfD. So klärten wir z.B. auf, dass die AfD gegen die Subventionen ist und sich AfD-Chefin kürzlich mit dem Großmolkerei-Mann Müller (Müller-Milch) traf. Die AfD steht auf Seiten der Monopole. Der Gedanke, dass die Monopole unser gemeinsamer Gegner ist, kam bei den meisten gut an. Bei etlichen Redebeiträgen blieben für längere Zeit Leute stehen und hörten aufmerksam zu und nickten auch oft. Wir erreichten mit unserem Hot-Spot bestimmt 500 Leute.
Vielen wurde im Gespräch als erstes das Buch "Die globale Umweltkatastrophe hat begonnen" vorgestellt, dabei insbesondere das Kapitel "Monopolistische Agrarindustrie gefährdet Umwelt und Ernährung der Menschheit". Es traf vielfach auf Zustimmung, auch wenn leider keins verkauft wurde. Es bestätigte sich, dass die meisten in der Agrarindustrie Beschäftigten von sich aus eine Produktion mit der Leitlinie der Einheit von Mensch und Natur anstreben, aber die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten das untergraben. Auch wenn kein Buch verkauft wurde, fotografierten sich einige den Titel ab, um sich weiter zu informieren.
Allerdings war die Situation auch sehr polarisiert. Ein nicht zu unterschätzender Teil war antikommunistisch beeinflusst und wenige einzelne schrien uns an. Ihnen entgegneten wir offensiv und direkt, dass wir offen sind für die Diskussion unterschiedlicher Meinungen, aber wir uns auch nicht anpöbeln lassen. Argumente kamen von diesen Leuten natürlich nicht - was sie gegenüber der Masse der umstehenden Teilnehmer schnell isolierte. Diejenigen, die von der AfD beeinflusst waren, waren das in unterschiedlichem Maße und mit den allermeisten war trotzdem eine sachliche Diskussion möglich. Viele glaubten unseren sachlichen Argumenten gegen die AfD nicht, nach dem Motto "Was nicht von der AfD selbst kommt, muss der Lügenpropaganda entspringen".
Manche waren aber auch nur einfach abgeschreckt, als wir mit dem Sozialismus als Perspektive kamen, weil sie das im Kopf sofort mit DDR verbanden. Darum gingen wir auch am Mikrofon auf die Schlussfolgerungen aus dem Verrat am Sozialismus ein, was einige zumindest zum nachdenken anregte. Der Gedanke, dass Arbeiter und Bauern gemeinsam gegen Regierung und Monopole kämpfen müssen, war sehr oft der einende Gedanke.
Unser Plakat "Erzeugerpreise rauf - Verbraucherpreise runter" traf vielfach auf Zustimmung und wurde fotografiert. Es regt zum Nachdenken an, wer eigentlich zwischen diesen beiden Gruppen sitzt und die Profite absahnt.
Nach unserer Kundgebung sprachen wir am Rande der großen Kundgebung des Bauernverbands mit weiteren Teilnehmern. Auf die AfD angesprochen blockierte ein Teil "Ich habe meine Meinung und rede nicht mit euch", aber ebenso viele, die auch sagten, dass sie sich klar gegen die AfD positionieren.
Noch unschlüssig waren wir uns, wie es zu bewerten ist, dass Bodo Ramelow bei der Kundgebung fast nicht zu Wort kam und lauthals ausgepfiffen wurde. Einerseits ist er ein bürgerlicher Politiker, der sich dem Monopolkapital untergeordnet hat und viele ihn auch so wahrnehmen - immerhin fordert er ja sogar Waffenlieferungen für die Ukraine. Andererseits wird von rechter Seite massiv Stimmung gegen alles gemacht, was "links" ist oder scheint. Die AfD war auch mit einer Fahne und einzelne Leute mit Abzeichen zu sehen. Auch eine Fahne des "Freien Thüringen" (Organisationsplattform der rechten Montagsspaziergänge) war zu sehen. Auch viele Autos und LKW von Betrieben waren anwesend. Diese Kollegen haben jedoch nicht "gestreikt", sondern sind von ihren Chefs dahin geschickt worden - etwas, was zumindest von der AfD ja im Vorfeld bewusst vorangetrieben wurde. So war auch der Thüringer AfD-Co-Landesvorsitzende Stefan Möller anwesend, der anschließend auf Telegram schrieb: "Wir sind stolz auf unsere Bauern und Unternehmer".
Es war deshalb richtig, dass wir bei der großen Kundgebung nicht mit Parteifahne aufgetreten sind. Insgesamt verteilten wir 550 Flugblätter, die jetzt in alle Landesteile Thüringens mitgenommen werden.
Insgesamt war unser Einsatz erfolgreich, lehrreich und eine neue Erfahrung. Unsere Analysen zur konkreten Situation der Agrarindustrie in Thüringen müssen wir noch vorantreiben. Die Situation ist anders als in Westdeutschland. Die durchschnittliche Betriebsgröße in Thüringen ist drei Mal so groß wie im Bundesdurchschnitt. Die Hälfte der Agrarfläche in Thüringen wird von Betrieben bewirtschaftet, die über 1.000 ha haben. Fast dreiviertel aller Agrarbetriebe sind große Agrargenossenschaften oder Aktiengesellschaften. Dementsprechend trafen wir auch fast nur auf Beschäftigte dieser großen Agrargenossenschaften, die dafür offensichtlich frei bekommen haben.