Berlin
Trauer- und Hoffnungsfeier: 20 Jahre Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost
Über 300 Besucherinnen und Besucher waren im November der Einladung der "Jüdischen Stimme ..." zu ihrem 20jährigen Bestehen gefolgt und warteten in einer langen Schlange auf den Einlass. Zuvor waren etliche bei der Demonstration „Free Palestine will not be cancelled“ mit 10.000 bis 12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die vom Roten Rathaus zum Potsdamer Platz zogen.
In ihrer Begrüßung machte die Sängerin Nirit Sommerfeld deutlich: „Israel spricht nicht in unserem Namen!“ mit dem Krieg gegen Gaza. „Wir sind Zeugen eines Massenmords.“ Auch nannte sie die ethnischen Säuberungen im Westjordanland, wo Palästinenser von israelischen Siedlern vertrieben oder ermordet werden. Gleichzeitig verurteilte sie das Massaker der Hamas vom 7. Oktober, sprach von den über 1.400 Ermordeten, 5.000 Verletzten und mehr als 220 als Geiseln Verschleppten.
Nach dem hebräischen Friedenslied „Shalom Alechem“ und einer Schweigeminute für alle zivilen Gewaltopfer in Gaza, in Israel und im Westjordanland begann der Vereinsvorsitzende Wieland Hoban seine Rede mit den Worten: „Wie erleben gerade einen Genozid. In Gaza wurden 9.500 Menschen durch israelische Bomben getötet, darunter 4.000 Kinder; die schmale Enklave wird in eine Mondlandschaft verwandelt, und es gibt für die 2,3 Millionen Einwohner keine Zuflucht.“ Dafür würde das aus Gaza begangene Massaker im Süden Israels als Rechtfertigung benutzt. Er sieht darin eine Fortsetzung der Nakba, der Vertreibung von 750.000 Palästinensern ab Ende 1947, denn „es kamen auch konkrete Pläne der israelischen Regierung ans Licht, die gesamte Bevölkerung von Gaza nach Ägypten zu vertreiben.“
Hoban prangert die Verbote vieler Demonstrationen an, vor allem in Berlin; er kritisiert die Medien und Kanzler Olaf Scholz, die „das Schreckgespenst von Horden blutrünstiger Araber und Muslime heraufbeschworen, die vor allem eine Gefahr für Juden darstellen und am besten alle abgeschoben werden sollten.“ Dann zitiert er als eigenen Leitsatz Marek Edelmann, einen Anführer und Überlebender des Warschauer Ghettoaufstands: „Ein Jude zu sein bedeutet, immer mit den Unterdrückten zu sein, niemals mit dem Unterdrücker.“ Er weist darauf hin, dass sie „gerade als Jüdinnen und Juden zu den Palästinensern stehen“, denn: „Obwohl wir auch von manchen antisemitisch genannt werden, und vom jüdischen Mainstream geächtet oder ignoriert werden, hört man uns immer noch etwas eher zu als Palästinensern“. Was sie nicht akzeptieren, aber nutzen. Auf welch fruchtbaren Boden das fällt, drückt sich darin aus, dass in den letzten Wochen fast täglich neue Anträge auf Mitgliedschaft eingingen.
Schließlich interviewte die Journalistin Annuschka Eckhardt drei Mitglieder der Jüdischen Stimme aus drei Generationen, die alle in Israel geboren wurden:
Von Prof. em. Dr. Fanny-Michaela Reisin erfuhren wir, wie es zur Gründung des Vereins am 9. November 2003 kam. Vorausgegangen war die 2. Intifada und der Beginn des Baus der Sperranlagen zwischen Israel und dem Westjordanland 2002. Im selben Jahr kam es zur Gründung der European Jews for a Just Peace in Amsterdam mit 18 Friedensorganisationen aus neun europäischen Ländern. Die Jüdische Stimme steht in der Tradition des jüdischen Widerstands gegen den Hitler-Faschismus und versteht sich als radikale Opposition gegen die israelische Regierung. Sie vertritt, dass sich kein Volk über ein anderes Volk erheben darf. ...
Der nächste Sprecher, der palästinensische Anwalt Ahmed Abed, stellte sich als Antifaschist, Sozialist, Linker vor. Er nannte neue Zahlen: Im Westjordanland leben inzwischen ca. 800.000 illegale israelische Siedler, 900 Palästinenser wurden zuletzt vertrieben. Gaza sei der Ort der „Verdammten dieser Erde“. Deshalb gehe es jetzt darum, gegen die zu kämpfen, die sich gegen die Gleichheit der Menschen in Palästina und Israel stellen. Statt Äußerungen wie von Robert Habeck braucht es die Zusammenarbeit für einen gerechten Frieden! ...
In der Pause sprach ich mit einem Vertreter des Palästina-Komitees aus Stuttgart und machte ihn auf die United Front aufmerksam. Der sehr lehrreiche Abend klang mit einer Reihe von Musikstücken aus. So gibt das Lied „Alles Schein“ von Nirit Sommerfeld ihre Erfahrungen in Israel wieder und die Gründe, weshalb sie es verlassen hat. https://www.youtube.com/watch?v=XOej3yRz1sg