Kontrast zur Lobhudelei
Schwäbischer Nachruf auf Wolfgang Schäuble: „Nicht verwandt und nicht verschwägert“
Das einzige, was ich mit Wolfgang Schäuble gemein habe, ist der schwäbische Nachname. Ich kenne das: die Reaktionen gehen vom ungläubigen Staunen bis zur Verhärtung und Erstarrung im Gesichtsausdruck, wenn ich beim Amt oder beim Arzt meinen Nachnamen buchstabiere: „Ja, mit ä und u“.
Die Gesichtszüge meines Gegenübers entspannen sich und es ergibt sich meist ein offenes und kritisches Gespräch über die Rechnungen, die man „mit denen da oben“ alle offen hat.
Wolfgang Schäuble wird von seinesgleichen in den Nachrufen Glanz verliehen, der dann auch noch auf sie selbst abfärben soll. So „verliert“ CDU-Vorsitzender Friedrich Merz mit leicht gebrochener Stimme seinen „engsten Freund und Ratgeber, den ich in der Politik je hatte.“ Fast möchte man sagen: kein Wunder, dass es der einzige war: Wer will schon Freund und Ratgeber von Friedrich Merz sein. Ex-CDU-Gesundheitsminister Spahn verliert ganz im Tenor des allein gelassenen Sohns „meinen wichtigsten Mentor und einen väterlichen Freund.“
Der Grünen-Co-Vorsitzende Omid Nouroipour garantiert staatstragend: „Sein Platz in den Geschichtsbüchern ist ihm gewiss.“ Nur Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) ist sich offenbar nicht bis ins Detail ihrer Worte bewusst, wenn sie sagt: „Kaum ein Politiker hat (…) unsere demokratische Kultur so geprägt wie Wolfgang Schäuble.“
Demokratische Kultur? Im September 1994 erhielt Wolfgang Schäuble vom Waffenhändler Schreiber ohne Quittung eine „Spende“ von 100.000 Mark für die CDU. Diese wurde nicht verbucht und Schäuble hat lange abgestritten, mit Schreiber in Kontakt gewesen zu sein. Waffenhändler, Schwarzgeld, Täuschung der Öffentlichkeit - Wolfgang Schäuble war ein Politiker, der als Koordinator der Geheimdienste (Kanzleramt), Innenminister, Finanzminister, Fraktionsvorsitzender der CDU usw. immer „loyal“ im Dienst der Diktatur der Monopole stand.
Er setzte 2010 nach dem Staatsbankrott in Griechenland führend die rigorose Abwälzung der Krisenlasten auf die Arbeiter und die breiten Massen und damit Armut und Elend durch - begleitet von einer nationalistischen Hetze gegen die „Pleite-Griechen“. Er stand auch für eine erzreaktionäre Flüchtlingspolitik. Schäuble war Überzeugungstäter. Weltanschaulich bekannte er sich ausdrücklich zum Positivismus Karl Poppers, der auf antikommunistischer Grundlage den Kapitalismus als „bei weitem die beste, die freieste, die fairste und die gerechteste Gesellschaft, die es jemals in der Geschichte der Menschheit gegeben hat“ (1) bezeichnete.
Respekt muss man ihm dafür zollen, mit welcher Härte und Kampfmoral er nach einer Querschnittslähmung durch ein Attentat im Jahr 1990 darum kämpfte, wieder ins Leben zurückzufinden und zu arbeiten. Er jammerte nicht und machte kein großes Aufheben um seine Person, war nicht eitel. Dies unterscheidet ihn von vielen anderen bürgerlichen Politikern.
Ich stimme nicht in die Lobhudelei für ihn ein. Künftig werde ich mich auch nicht mehr so oft zu meinem guten schwäbischen Nachnamen erklären müssen.