Das Hochwasser und das Versagen des Positivismus
Nur der Mönch läutete die Glocken ...
14. Juli 2021: gigantische Regenmengen stürzen auf große Teile Deutschlands und auch auf das Bergische Land – fast 200 Liter pro Quadratmeter in wenigen Stunden. Die Wuppertalsperre im Südosten von Wuppertal drohte überzulaufen.
Der zuständige staatliche Wupperverband öffneten in Panik die Schleusen: Gigantische Wassermassen ergossen sich schlagartig zusätzlich zum Regen in den direkt an der Schleuse liegenden Ortsteil Wuppertal-Beyenburg. In nur wenigen Stunden waren auch große Teile von Wuppertal, Solingen und Leichlingen 40 km flussabwärts im oft breiten Flussbett der Wupper um viele Meter überflutet. Mit gigantischen Schäden.
Vorwarnung? Fehlanzeige! Weder über die Feuerwehr, Warn-Apps, den Wupperverband, die Stadt Wuppertal usw. Lediglich der schon alte Bruder Dirk, der einzige noch verbleibende Mönch im Kloster Beyenburg, läutete die Glocken! Mit Methoden des Mittelalters gegen die neuzeitliche globale Umweltkatastrophe!? Könnte man meinen.
Aber nein. Natürlich funktionierte alles nach Recht und Gesetz. Schon am Tag danach wurden Autos, die von Beyenburger Bürgern in letzter Minute auf höher gelegene Straßen gefahren wurden, mit Knöllchen versehen– sie standen ja schließlich im Halteverbot. Und der Wupperverband - von empörten Opfern der Flutkatastrophe wegen grober Fahrlässigkeit angezeigt – wurde höchstrichterlich freigesprochen. Gestützt von einem „neutralen“ Gutachten wies er mathematisch vollkommen korrekt nach: Solche Wassermassen habe es in den letzten 30 Jahren nie gegeben. Von daher hätte man mit einem solchen Ereignis auch nicht rechnen können. Daher habe man vollkommen korrekt gehandelt.
Ein Musterbeispiel für die fatalen Auswirkungen der positivistischen Weltanschauung der Falsifizierung des in bürgerlichen Kreisen ach so renommierten Philosophen Karl Popper: Für ihn ist die Wirklichkeit lediglich etwas, „das uns über die Falschheit unserer Ideen informieren kann.“ Stefan Engel schreibt in dem Buch „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Opportunismus“: Die Falsifizierung „verfolgt den Grundsatz: Alles ist gültig, solange es nicht widerlegt ist. Dies ist heute in vielen Bereichen der Wissenschaft die gängige Methode.“ [1]
Erfreulicherweise ist aber die Menschheit lernfähig – nicht nur Bruder Dirk: So ließ zur exakt gleichen Zeit der Ruhrverband nach Voraussagen über riesige Regenmengen schon vor dem Sturzregen dosiert Wassermengen aus seinen Talsperren ab. Die Folgen: An der Ruhr gab es damals keine größeren Überflutungen.
Und auch der Wupperverband hat gelernt: Er hat ein Frühwarnsystem eingeführt, in den Tagen mit ebenfalls großen Regenmengen vor und nach Weihnachten 2023 planmäßig Wasser in den Talsperren gestaut oder auch gezielt bis an die Grenze der Belastbarkeit abgelassen – und fortlaufend die Bevölkerung informiert. Erleichtert stellt das „Solinger Tageblatt“ vom 30.12.2023 fest: „Hochwasser: Diesmal wird gut informiert – Reaktion auf Versäumnisse.“ Aber warnt zugleich: „Alle Gefahren sind damit nicht gebannt.“
Wohl wahr! Es geht um mehr als nur „Versäumnisse“. Solange die Weltanschauung des nur am Profit orientierten Positivismus und Pragmatismus vorherrscht, werden die Gefahren der begonnenen globalen Umweltkatastrophe wachsen. Erst wenn in einer sozialistischen Gesellschaft die dialektisch-materialistische Weltanschauung vorherrscht, die die Wirklichkeit gemäß ihren objektiven Gesetzmäßigkeiten nüchtern erfasst, kann die globale Umweltkatastrophe eingedämmt bzw. auch teilweise verhindert werden. Dann braucht es auch keinen Bruder Dirk mehr – bei allem Respekt vor seiner mutigen Tat.
[1] S. 70