Richtige Forderungen und Standesdünkel

Richtige Forderungen und Standesdünkel

Ärztestreik diese Woche: Eine zwiespältige Sache

Die Hausarztpraxis im Dienstleistungszentrum in der Horster Mitte in Gelsenkirchen hat sich nicht an dem Streik von Arztpraxen und Ärzten diese Woche beteiligt.

Von Günter Wagner, Allgemeinarzt in Gelsenkirchen

Der dort praktizierende Allgemeinmediziner Günter Wagner hat sich in einem Statement für Rote Fahne News dazu positioniert.

 

"Meine Kollegen hier im Stadtteil Gelsenkirchen-Horst haben sich auch nicht beteiligt. Das Thema ist komplex. Der Virchow-Bund ist eine Standesvertretung. Die Webseite heißt "PraxisinNot", das ist reißerisch. Es gibt dazu auch reißerische Bilder auf der Webseite.

 

Richtige Forderungen sind: Erhalt der wohnortnahen Versorgung mit Praxen. Gegen die Investoren, die zunehmend Praxen aufkaufen. Da geht es nur um Profit. Dagegen anzugehen ist richtig. Aber es vermischt sich mit dem Kampf um den Erhalt der kleinbürgerlichen Existenz unter dem Motto der Freiheit der Ärzte, der Freiheit derTherapie. Die Gehälter der Medizinischen Fachangestellten (MFA) sind in den letzten Jahren angehoben worden, aber nicht die Vergütung der ärztlichen Leistungen. Die MFA erhielten keine Corona-Prämie, die Praxen keinen Corona-Zuschuss. Die Kritik an der überbordenden Bürokratie, die einem die Zeit klaut, die man für Patienten bräuchte, ist richtig. Auch die Kritik an der druckvollen Umsetzung der Digitalisierung, die oft nicht funktioniert.

 

Aber kritisiert wird im Wesentlichen nur Lauterbach und nur auf Arztpraxen beschränkt. Eine gründliche Kritik der Gesundheitspolitik der Bundesregierung fehlt und ihrer Dienstleistungen für die Pharmakonzerne fehlt, z. B. an den riesigen Profiten von Biontec.

 

Auf der Webseite "PraxisinNot" wird verbreitet: "Medizin 2025 kaputt gespart", "Praxis 2025 ausgeblutet", "Medizin 2025 - stoppt Lauterbach", "Für Kliniken werden Milliardenhilfen gegen die Preisexplosion aufgelegt. Für Arztpraxen gibt es keine staatliche Hilfe". "Ein vom Staat kaputtgespartes System wie in England wollen wir unter allen Umständen verhindern!" Die Medizin wird nicht und schon gar nicht vom Staat "kaputtgespart". Im Gegenteil: Es wird im Gesundheitswesen von allen Regierungen eine massive Umverteilung zugunsten der Monopole betrieben.

 

Die dümmliche Verlautbarung von Lauterbach, nur in der Schweiz verdienten die Ärzte mehr als in Deutschland, ist natürlich Spurenverwischung und bedient ein verbreitetes Vorurteil, dass alle Ärzte reich sind. Es gibt nicht "DIE Ärzte". Da gibt es Fachärzte mit einem Jahresumsatz von mehreren Millionen und Hausarztpraxen mit einem von 150.000 bis 200.000 Euro. In einer Hausarztpraxis ist das monatliche Einkommen im Durchschnitt 7.100 € (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland). Die Medizin wird nicht und schon gar nicht vom Staat kaputt gespart.

 

Wir sind nicht gegen MVZ (Medizinische Versorgungszentren) und angestellte Ärzte. Aber nicht unter dem Prinzip der Profitmaximierung."