Interview mit einem Palästinenser

Interview mit einem Palästinenser

Gaza: „Berichterstattung in deutschen Medien oft ziemlich absurd“

Die Rote Fahne sprach erneut mit Omar (1) über die Entwicklung in Gaza. Er steht in ständigem Kontakt mit befreundeten und verwandten Palästinensern.

Interview mit einem Palästinenser

Rote Fahne: Was sind seit deinem ersten Interview die wichtigsten Veränderungen im Gaza? Was muss man wissen, um die Lage und ihre Folgen für die Menschen dort zu verstehen?
Omar: Wer die tatsächliche Lage in Gaza kennt, findet die Berichterstattung in deutschen Medien oft ziemlich absurd. Über das Geschehen, die Folgen der Bombardierung in Gaza wird da kaum oder distanziert berichtet. Hauptsächlich hat sich seit einem Monat verändert, dass das Leid dramatisch zugenommen hat. Alle Ressourcen für die Bevölkerung sind völlig erschöpft. Viele sind seit der  Bombardierung verstorben oder konnten nicht aus den Trümmern geborgen werden, weil kaum Hilfe möglich ist. Viele, die überlebt haben, sterben an Wunden, die nicht behandelt oder operiert werden können oder Wunden, die sich aufgrund mangelnden Wassers und fehlenden Bandagen entzündet haben. Andere sterben bei Operationen, weil es keine Betäubungsmittel mehr gibt. Oder man stirbt an Hunger oder Dehydrierung, vor allem Kinder, kranke und alte Menschen. Auch Seuchen und Krankheiten, die gerade ausbrechen, fordern Menschenleben, weil es kein sauberes Trinkwasser gibt. Die hygienische Zustände sind einfach nicht mehr menschlich. Jetzt regnet es sehr viel. Viele haben keine Regenkleidung und warme Sachen mitnehmen können.

 

Wie reagieren die Menschen in Gaza auf diese Situation?
Unbekannt ist in Deutschland zum Beispiel, dass viele Familien ihre Angehörigen und Kinder an unterschiedliche Orte verteilen, damit sie nicht alle auf einmal von Bombardierungen getroffen werden. Man erfährt in den Medien hier auch nichts über den Zusammenhalt. So nehmen Familien andere obdachlos gewordene Familien auf, die noch eine Wohnung haben. Eine Freundin von mir wurde als Gast in eine Familie in Dschabaliya aufgenommen, die noch Vorräte an Linsen hat, die diese selbstlos mit anderen teilt. Im Nord-Gaza geht nämlich gar nichts mehr, es kommt keine Hilfe an. Ein Beispiel: Das Haus von Mohamed Abu Mousa, einem Arzt im Nasser Medical Center, wurde während seines Dienstes durch israelische Bombardierung völlig zerstört. Er hat seinen eigenen Sohn identifiziert, begraben und ging direkt wieder zu seiner Arbeit, um die große Zahl Verwundeter zu versorgen.  

 

Welche Diskussionen gibt es unter den Palästinensern?
Die israelische Regierung macht ja kein Geheimnis mehr daraus, dass sie die Palästinenser aus Gaza vertreiben will. Etliche israelische Minister wie die israelische Geheimdienstministerin Gila Gamliel sprechen offen darüber. Aber die Palästinenser wehren sich entschieden dagegen. Ein Familienvater sagte: wir werden unser Land niemals verlassen, sie können uns noch Mal bombardieren, entweder leben wir und siegen oder hier sterben wir. Bekannt ist die Richtlinie von Netanjahus Propaganda, dass für alle zivile Opfer der Hamas die Schuld trägt. Die Menschen wissen doch, dass die Besatzungsmacht sie tötet und die Ursache für das ganze Leid ist. Gerade die Menschen, die alles verloren haben und Angehörige unter Trümmern gefunden haben, schreien es heraus, dass für sie alles ein Opfer für Palästina und den Widerstand ist. Niemand will Gaza verlassen auch nicht die, die in den Süden geflohen sind.

 

(1) Name geändert und der Redaktion bekannt