Hamburg
Was hat MSC mit dem Hamburger Hafen vor?
In der "Welt" erschien ein Interview mit dem Deutschland-Chef der weltgrößten Reederei MSC, Nils Kahn.
Bereits im August berichtete Rote Fahne News: "Im ersten Quartal 2023 wurden 28,1 Millionen Tonnen Seegüter umgeschlagen, das sind 10,2 Prozent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Bei den Containern gab es ein Minus im Hamburger Hafen von 16,9 Prozent auf 1,9 Millionen TEU." (Mehr dazu hier.)
Die durch die Weltwirtschafts- und Finanzkrise ausgelöste Krise der internationalen Produktion hatte natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf die Häfen und das Transportwesen. Der Handel mit Russland, dem viertgrößten Handelspartner des Hamburger Hafens, brach nach Ausbruch des Krieges zusammen. Im Kapitalismus führt eine solche Situation zu einer regelrechten Vernichtungsschlacht und einem harten Konkurrenzkampf.
Nils Kahn verkündet nun: "Der Hamburger Hafen muss für seine Kunden attraktiver werden. ... Wenn der Hafen attraktiver wird, werden wir auch die zugesagten Wachstumsziele erreichen – eine Million Containereinheiten (TEU) zusätzliche Ladung vom Jahr 2031 an. Dieses Ziel wollen wir in Stufen erreichen."
Doch was versteht Kahn unter "attraktiver werden"? "Der Hafen muss in Bezug auf die Produktivität attraktiver werden."
Doch was versteht Herr Kahn darunter, attraktiver zu werden? "Der Hafen muss attraktiver werden mit Blick auf die Produktivität."
Produktivitätssteigerungen im Kapitalismus werden aber immer durch eine Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiter, durch mehr Arbeitsdruck erreicht. Kurzum: Die Daumenschrauben für die Hafenarbeiter werden angezogen. Die HHLA-Beschäftigten müssen vor solchen Aussagen gewarnt sein. Gewinnsteigerung geht immer auf Kosten der Beschäftigten und nicht zu ihren Gunsten.
Deshalb ist die kämpferisch gemeinte Losung: "Unser Hafen - nicht euer Casino" schon heute eine Illusion. Denn der Hafen gehört nicht den Arbeitern. Eins teilt sich in zwei - und so teilt sich der Hafen in die Arbeiter und Angestellten der verschiedenen Betriebe einerseits und die verschiedenen Kapitalisten, Monopolkapitalisten und den Senat andererseits. Auch die Mehrheitsanteile, die der Senat an der HHLA hält, sind real keine Anteile der Arbeiterklasse im Hafen, denn der Senat ist Teil der herrschenden Klasse und nicht der arbeitenden Bevölkerung. Hamburgs Erster Bürgermeister Tschentscher oder Senator Dressler hat man bekanntlich noch nie beim Löschen, Laschen oder Festmachen eines Schiffes gesehen.
Vielmehr ist die Forderung richtig: Er muss unser Hafen werden! Dazu bedarf es aber eine revolutionäre Überwindung des Kapitalismus, die den bisherigen Eigentümern der Produktionsmittel im Hafen ihre Verfügungsgewalt nimmt und damit die Besitz- und Machtverhältnisse umwälzt. Das kann natürlich nicht allein im Hafen geschehen, sondern muss als Teil einer Revolution im ganzen Land oder sogar international geschehen. In einer darauf folgenden echten sozialistischen Gesellschaft könnte die Hafenpolitik planmäßig unter der Führung der Arbeiterklasse entwickelt werden.
Der Hamburger Hafen könnte zum Umschlagplatz eines Handels werden, der den Völkern der Welt zum gegenseitigen Nutzen dient. Statt wie so oft, Tonnen von Koks in MSC-Schiffen zu transportieren... . Die Automatisierung ginge dann mit einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich einher, wodurch die Arbeiter auch Zeit für ihre gesellschaftliche Arbeit als herrschende Klasse gewinnen würden. Die Häfen Europas würden ihre Arbeit planmäßig koordinieren, statt in Konkurrenz zueinander zu stehen, was zu unsinnigen Maßnahmen wie der Elbvertiefung bei gleichzeitigem Bau des Tiefseehafens in Wilhelmshaven führt.
Wenn Kahn allerdings unter heutigen kapitalistischen Bedingungen verkündet: "Mit dem Automatisierungsprogramm am HHLA-Containerterminal Burchardkai ist das (die Produktivitätssteigerung, Anm. d. Red) ja angestoßen" - dann können sich die Arbeiter am Burchardkai warm anziehen. Denn dann hat Kahn mit Sicherheit die Vernichtung von Arbeitsplätzen im Sinn. Umso wichtiger ist es, die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich in das Forderungsprogramm aufzunehmen, denn damit können Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen werden.
Hinzu kommt, dass MSC mit zunehmender Automatisierung ein neues Problem bekommt: Je größer der Anteil des konstanten Kapitals (also die Investitionen in riesige neue Anlagen im Hafen) gegenüber dem variablen Kapital (der Arbeitskraft) wird, desto mehr sinkt die Profitrate. Auch die modernsten Maschinen und Anlagen können ihren Wert nur am Produkt oder hier am Containerumschlag abliefern. Mehrwert schaffen aber nur die Arbeiter.
Kahns Pläne sind ebenso auf Sand gebaut wie seine Versprechungen an die Arbeiter. Die Crux der großen Monopole besteht so oft darin, dass sie die Gesetze ihres eigenen Kapitalismus nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Mit Dollarzeichen in den Augen spekuliert Kahn darauf, "dass die Weltwirtschaft weiterwachsen wird ... und dass die Globalisierung auch angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung weiter voranschreiten wird". Er übersieht dabei die lang anhaltende Weltwirtschafts- und Finanzkrise, die derzeit vor einem neuen Einbruch und nicht vor einem neuen Wachstumsschub steht. Und er übersieht geflissentlich die Gefahr eines Dritten Weltkrieges, der mit den Kriegsherden in der Ukraine, in Israel / Gaza und in Afrika auch alle Handelsströme verändern wird.
Sollten sich Kahns Spekulationen nicht bewahrheiten, wird er seine Versprechungen von heute schneller vergessen, als man gucken kann, weil sie dann "leider" nicht mehr "den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entsprechen". Was interessiert ihn dann noch sein Geschwätz von gestern?
In der Regel macht es für die Arbeiter keinen grundsätzlichen Unterschied, welchem Teil der herrschenden Klasse der Hafen gehört und für wen sie arbeiten. Sicher ist aber, dass im internationalen Konkurrenzkampf die internationalen Übermonopole wie eine Horde marodierender Räuber umherziehen.
Sie kaufen und privatisieren alles, von dem sie sich versprechen, einen maximalen Profit herausschlagen zu können und sich eine bessere Position im Kampf um eine den Weltmarkt beherrschende Position ergattern zu können. Und dieses Ziel erreichen sie nur durch eine noch schärfere Ausbeutung von Mensch und Natur.
Deshalb ist der Kampf der Hafenarbeiter vollkommen berechtigt und ihm gebührt die Unterstützung der ganzen Arbeiterklasse.