Glosse

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Ein Fahrrad könnte so einfach sein ...

Einen Gang hoch mit der Obsoleszenz: Nach der Insolvenz des Fahrradherstellers Vanmoof ist unsicher, ob die Vanmoof-Fährrader noch benutzt werden können. Die ausführliche Schilderung eines absurden und wahrscheinlich zukunftsweisenden Falls.

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Ein Fahrrad könnte so einfach sein ...
Aufholjagd? Die Digitalisierung hat das Fahrrad schon lange eingeholt! (Bild: Flo Maderebner)

Geplante Obsoleszenz (auch „geplanter Verschleiß“ oder, noch charmanter, „Produktvergreisung“ genannt): Diese Form der Verschwendung zur Profitmaximierung bekommt durch das so genannte „Internet der Dinge“ (kurz erklärt, die Vernetzung von allem mit allem) völlig neue, bislang ungeahnte Möglichkeiten. So erschien es vormals undenkbar, dass auch eigentlich einfache Geräte wie ein Fahrrad nun, quasi per Fernbedienung „kaputt“ gehen können, weil ihre Funktion praktisch zu einer Art Dienstleistung des Herstellers verkommen ist. Die Insolvenz des niederländischen Fahrradherstellers Vanmoof, der als Pionier der Branche galt, zeigt, wie es gehen kann.

Vanmoofs Komfort und "Customization"

Mit der Vanmoof-App kann man nicht nur über das Smartphone den Ton der Fahrradklingel verändern – tatsächlich lässt sich das Fahrrad ohne die App nicht benutzen, denn die mechanische Wegfahrsperre entriegelt nur, wenn sie die Nähe des Fahrrad-Besitzers in Form seines Smartphones vermittels verschlüsselter Bluetooth-Verbindung spürt. Um die Verbindung zwischen Smartphone und Fahrrad herzustellen, braucht man einen regelmäßig wechselnden Schlüssel von den Vanmoof Servern. Sichere Sache.

 

Aber mit dieser Sicherheit fangen die Probleme an: Wenn Vanmoof nun Pleite geht, was passiert dann mit den Servern der Firma, die bisher die Fahrrad-Schlüssel bereit stellen?

Vom Fahrrad-Fahrer zum Fahrrad-Hacker

Sowohl Fahrrad als auch App brauchen in den Werkseinstellungen erst einmal die Verbindung zu diesen Servern. Besitzer dieses Meisterstücks kapitalistischer Technik müssen nun umsichtig und schnell handeln - denn noch ist keinesfalls klar, dass Lavoie als neuer Eigentümer von Vanmoof dessen Dienste weiter betreibt!

 

Die Wegfahrsperre lässt sich noch überwinden: Indem man – solange das funktioniert! – den „manuellen Fahrrad-Einschalt-Code“ aktiviert. Dann kann man mit einer Art Morsecode über einen Knopf am Lenker sein Fahrrad entsperren und einfach losfahren. Total komfortabel eben.

 

Dazu sollte man sich schnell die Fahrradschlüssel des eigenen Fahrrads von dem Vanmoof-Server ziehen. Dafür haben Freiwillige eigens ein Programm geschrieben, das man über GitHub herunterladen kann. Viele Funktionen lassen sich dann künftig (hoffentlich) auch über alternative Apps (aktuell gibt es eine solche App) benutzen und somit bleibt zumindest ein Teil der Funktionen (vielleicht) nutzbar. Bisher geht das aber nur mit einer von vier Fahrrad-Modell-Serien.

 

Für die Internetverbindung hat das Fahrrad ein eingebautes Datenmodem mit einer SIM-Karte. Die zahlt bislang Vanmoof, und das wird ja nun nicht mehr ewig so sein. Funktionen, für die das Fahrrad die Internetverbindung unbedingt braucht, werden ebenfalls wegfallen, wenn Lavoie die "Handyrechnung" nicht übernimmt (zum Beispiel wird man ein verlorenes oder gestohlenes Fahrrad nicht mehr orten können). Was im Einzelnen dann passiert, kann man nicht genau sagen.

 

Es ist schon ziemlich unglaublich, wie kompliziert man so etwas Einfaches wie ein Fahrrad machen kann. Man kann sich vorstellen, was das bedeutet, wenn eines der Übermonopole seine „Pflichten“ nicht mehr erfüllen kann oder will – zum Beispiel Tesla, dessen E-Autos ungeführ so abhängig von dessen Firmendiensten sind wie die Fahrräder von Vanmoof.