Zur Diskussion gestellt
Interview mit Abu Tareq aus Marokko zur aktuellen Situation nach dem Erdbeben
Die Rote Fahne Redaktion führte das folgende Interview mit Abu Tareq aus Marokko, Delegierter seines Landes beim 1. Weltkongress der United Front, zur aktuellen Lage im Land. Wir stellen es hier zur Diskussion:
Hallo Abu Tareq, wie ist die aktuelle Situation in Marokkko nach dem Erdbeben?
Besonders der Süden bis zur Sahara ist vom Erdbeben betroffen. Das ist eine sehr bergige Region, wo vor allem Berber leben. Diese Regionen sind teilweise sehr schwer zu erreichen. Es gibt mittlerweile knapp 3000 Tote. Da teilweise ganze Dörfer zerstört wurden, die man noch nicht erreicht hat, wird die Zahl wahrscheinlich noch steigen. Besonders betroffen ist auch die wirtschaftliche Hauptstadt Dar Baida. In Marraskesh wurden viele historische Häuser komplett zerstört, unter anderem die berühmte und unter Touristen beliebte Moschee, die 1000 Jahre alt war. Die traditionelle Bauweise der Häuser ist zwar gegen Temperaturunterschiede gut gerüstet, hielt aber dem Erdbeben nicht stand. Ein solches Erdbeben hat es seit 1000 Jahren nicht gegeben und es hat die Leute in Angst und Schrecken versetzt.
Eine alte Frau berichtete, dass sie zehn Familienangehörige verloren hat und jetzt alleine ist. Es sind schlimme Anblicke, die sich auftun.
Wie sieht die Hilfe für die Erdbeben-Opfer aus? Es gibt Berichte, dass die Leute die Hilfe vor allem selbst organisieren und Kritik am marokkanischen Staat haben.
Mehr als 100 Staaten haben ihre Hilfe angeboten. Bisher hat Marokko aber nur von Großbritannien, Spanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Qatar Hilfe angenommen. Grund dafür ist, dass man davon ausgeht, die Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Katastrophenhilfe selbst zu haben. Mehr Hilfe aus anderen Ländern müsste mit größerem Aufwand organisiert werden, was Zeit braucht, die man nicht hat. Die Hilfe, die gerade kommt, ist genug.
Ein Grund, dass Marokko die Hilfe von Frankreich nicht angenommen hat, könnte Frankreichs Unterstützung von Algerien sein, das wiederum die Polisario-Bewegung unterstützt. In der Geschichte war Polisario eine marxistisch-leninistische Organisation, die für die Berber gekämpft hat. Als ihr Gründer Al-Wali Mustafa Sayyid 1976 starb, wurde die Polisario zu einer abspalterischen Organisation. Sie vertritt heute den arabischen Islam und nicht mehr die Berber. Ich und meine Organisation, wir lehnen die Vernachlässigung der Berber ab. Sie wurden Jahre lang durch das marokkanische Königreich vernachlässigt, weswegen ihre Häuser jetzt während des Erdbebens so schnell eingebrochen sind. Die Berber hatten immer eine wichtige Rolle im Widerstand. Wir kämpfen dafür, dass sie an die Macht zurückkommen.
Was macht ihr vor Ort, um den Leuten zu helfen?
Wir geben den Leuten, die ihre Wohnung verloren haben, Unterkunft und teilen unser Brot mit ihnen. Wir helfen ihnen dabei, den Alltag zu bestreiten und zu überleben. Wir spenden auch Geld. Auch manche unserer Genossen haben Angehörige im Erdbeben verloren.
Die internationale Solidarität mit dem marokkanischen Volk ist groß. Wie können wir helfen?
Die marokkanische Zentralbank hat ein Spendenkonto eingerichtet. Außerdem gibt es viele Verbände, die unabhängig Hilfe organisieren.