Urlaubskorrespondenz

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Paris, London, Manchester, Glasgow – eine Reise durch die Geburt des Kapitalismus und der Idee des Kampfs um den Sozialismus

Ein Genosse der MLPD Sindelfingen schickte uns diesen Reisebericht:

Paris, London, Manchester, Glasgow – eine Reise durch die Geburt des Kapitalismus und der Idee des Kampfs um den Sozialismus
Das Radrennen in Glasgow (rf-foto)

Anlass der Reise war, dass wir üblicherweise gemeinsam mit Mitgliedern unseres Radsportvereins zur jährlichen Hallenrad-Weltmeisterschaft reisen, wenn sie in erreichbarer Entfernung stattfindet. Dieses Jahr waren die Weltmeisterschaften aller Radsport-Disziplinen – vom Profistraßenrennen bis zu Kunstradfahren und Radball - gemeinsam in Glasgow / Schottland.

 

Unsere Reise startete mit dem Zug nach Paris. Dort wird man an den Sturm auf die Bastille, deren Grundriss noch ins Pflaster eingelassen sind, das heißt an die Französische Revolution, erinnert, aber auch an die Gräber der Kommunarden auf dem Friedhof Père Lachaise, die bei der Pariser Kommune im ersten Kampf um eine sozialistische Gesellschaft gefallen sind.

 

Der Eurostar-Zug brachte uns danach nach London, wo wir nicht nur beim Ealing-Bluesfestival der Gründung der Rolling Stones auf der Spur waren, sondern vor allem auf dem Highgate Cemetery das Grab von Karl Marx, dem Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, besuchten. Dessen Popularität weiß inzwischen die profitgierige Friedhofsverwaltung so zu nutzen, dass sie umgerechnet 5 Euro Eintritt für den Friedhof verlangt.

 

Unsere nächste Station war Manchester. Dort spielt es eine wichtige Rolle, dass Friedrich Engels dort nicht nur an der Fabrik seines Vaters beteiligt war, sondern, dass seine Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ vor allem auf seine dortigen Erfahrungen zurückging. Selbst in öffentlichen Schriften wird die Stadt als „Wiege des Kapitalismus“ bezeichnet. Es gibt auch eine Friedrich-Engels-Statue. Allerdings wurde diese nicht von der Stadt aufgestellt. Vielmehr wurde sie erst 2017 vom Künstler Phil Collins im Rahmen eines Kunstfestivals aufgestellt. Dieser hatte die Statue in der Ukraine gefunden, nachdem dort nach dem Zerfall der Sowjetunion alle sozialistischen Symbole entfernt worden waren. Daher kommt die seltsame Tatsache, dass der Name von Engels in kyrillischer Schrift auf der Statue steht.

 

Eine weitere Statue ist dem Mathematiker Alan Turing gewidmet. Er wurde Nationalheld, weil er es schaffte, die verschlüsselten Nachrichten der Hitler-Faschisten im Zweiten Weltkrieg zu entschlüsseln. Kurz danach wurde er aufgrund eines reaktionären Gesetzes angeklagt, weil er homosexuell war.

 

Manchester hat auch ein „Museum of Peoples History“, das die Geschichte der Klassenkämpfe in England darstellen soll. Es werden sogar Marx und Engels erwähnt. Es zeigt aber den reformistischen Einfluss der Labour Party, wenn es dort heißt, dass die damaligen Forderungen der Arbeiter mit der heutigen „sozialen Marktwirtschaft“ im wesentlichen erfüllt seien.

 

In Glasgow, auch eine alte Arbeiterstadt, wo die Welt zwischen den Fußballanhängern der Vereine Celtic und Rangers aufgeteilt zu sein scheint, zeigte sich, dass auch der Profisport nicht vor der Umweltkatastrophe flüchten kann. So wurde das Profi-Straßenradrennen der WM über 271 km zwischenzeitlich für eine Stunde unterbrochen, weil sich Klimaaktivisten im Stil der „Letzten Generation“ auf der Rennstrecke festgeklebt hatten. Sie protestierten dagegen, dass mit dem Mineralölkonzern Ineos, der gerade erst wieder Erdöl-Bohr-Genehmigungen in der Nordsee erhalten hatte, einer der größten Umweltverbrecher der Hauptsponsor des englischen Rad-Teams ist.

 

Doch, so wie die Umweltkatastrophe international ist, sind auch die Reaktionen der bürgerlichen Politiker offenbar in vielen Ländern gleich. Die Lokalpresse zitierte Abgeordnete mit den selben dümmlichen Kommentaren, wie wir sie bei uns kennen. Mit Sprüchen wie: “Jeder kann für seine Meinung demonstrieren, aber hier werden Menschenleben gefährdet“, „Ausgerechnet ein Radrennen stören sie, wo doch Radfahren die umweltschonendste Fortbewegung ist“, „Der Kleber, den sie nutzen stammt doch auch aus fossilen Brennstoffen“ wurden die Aktivistinnen und Aktivisten verhöhnt. Dass aber Konzerne wie Ineos oder die italienische Chemiefirma Mapei ihr Image mit Hilfe von Radsportsponsoring grün waschen wollen, wird von diesen Leuten nicht erwähnt.


Nach einem weiteren kurzen Aufenthalt in der Industriestadt Newcastle wurde die interessante Reise mit Fähre und Zug über Amsterdam beendet.