Unwürdig behandelt

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Das Leben der Vertragsarbeiter in der DDR

Menschlichkeit, Solidarität, Internationalismus - mit hohem praktischem Idealismus begann nach der finsteren Nazizeit der Aufbau in der DDR. Nach 1956 verließ die SED-Parteiführung der DDR den sozialistischen Weg und stellte den Kapitalismus in neuer Form wieder her, als bürokratischen Kapitalismus.

Von dw, Magdeburg
Das Leben der Vertragsarbeiter in der DDR
Ausstellung über Vertragsarbeiter im Mai 2023 im Technikmuseum Magdeburg. Das haben wir uns mit der Studiengruppe gemeinsam angesehen. Das Thema hat uns schon früher interessiert und wir haben mit einigen Menschen über ihre Erfahrungen gesprochen

Das zeigt sich in der Politik gegenüber den in der DDR lebenden Ausländern, vor allem den Vertragsarbeitern, die ab den 1960er-Jahren eingesetzt wurden. Nicht als Menschen wurden sie gesehen, sondern nur als Arbeitskräfte.

 

In der DDR waren Arbeitskräfte knapp. Vertragsarbeiter wurden angeworben, aus Vietnam, Mosambik, Polen, Ungarn und anderen Ländern. Das waren junge Leute ohne Familie, meistens Männer; aus Vietnam auch viele Frauen als Näherinnen. Sie hofften, durch die höheren Löhne die Familien zu Hause besser unterstützen zu können. Die DDR versprach eine gute Ausbildung. „Die DDR habe ich mir als Paradies vorgestellt“, beschrieb Thomas Manhique aus Mosambik seine Erwartungen.

 

Formal waren die Vertragsarbeiter den DDR-Kollegen gleichgestellt. Untergebracht wurden sie in Wohnheimen. Zwei und manchmal drei Bewohner auf einem Zimmer. Das Leben bestand vor allem aus Arbeiten. Die Vertragsarbeiter waren meistens unter sich. Es wurde eisern gespart. Familien konnten nicht nachgeholt werden. Besuch von Discos war nicht gern gesehen. Und doch gab es Freundschaften und die Liebe fand ihren Weg. Schwangere Frauen mussten ab 1980 ausreisen oder abtreiben. Das war dramatisch für die Frauen; Menschlichkeit und Liebe wurden missachtet. Das unterscheidet sich nicht groß von der kalten, bürokratischen Arbeitsweise heutiger Ausländerbehörden.

 

Aus der guten Ausbildung wurde meist nicht viel. Die Sprachkurse waren kurz, und es gab vor allem eine Einweisung am Arbeitsplatz. Maximal 60 % des Lohnes konnten in das Heimatland überwiesen werden. Die Regierungen von Vietnam und Mosambik behielten einen Teil des Lohnes ein, um ihre Schulden an die DDR-Regierung zu bezahlen. Das war vertraglich mit der vorgeblich sozialistischen DDR-Führung vereinbart. Einige ehemalige Vertragsarbeiter, genannt „Madgermanes“ ("verrückte Deutsche") kämpfen in Mosambik immer noch um ihr Geld. 1992 gab es Entschädigungszahlungen der Bundesrepublik Deutschland. Die ehemaligen Vertragsarbeiter sagen aber, das Geld hat sie nicht erreicht. Fahrräder und Mopeds wurden von den Vertragsarbeitern gerne gekauft, demontiert und nach Hause geschickt.

 

Unsere verstorbene Genossin Waltraud Zorn war in der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) im VEB Vestis in Leipzig, einem Textilbetrieb. Nach der Wiedervereinigung organisierte sie sich in der MLPD. Ihre Genossen aus Leipzig berichten, wie sie sich in der DDR um Unterstützung der Vertragsarbeiter bemüht hat. Im Betrieb war der Respekt überwiegend. Aber es gab auch rückständige Menschen mit einem Alltagsrassismus. Vietnamesen wurden dann als „Fidschis“ bezeichnet. Vorurteile werden am besten überwunden durch Begegnungen und offene Diskussion. Aber das war ja nicht vorgesehen. Es war kaum Thema in den Medien, gesellschaftliche Widersprüche wurden meist verschwiegen oder wenigstens schön geredet. Nur politisch Verfolgte und Studenten aus dem Ausland hatten es besser.

 

Noch schlechter war die Lage der einfachen russischen Soldaten. Der Militärdienst war hart und lang. Es kam vor, dass Soldaten tagelang im Manöver als Posten im Nirgendwo ausharren mussten – dann wurden sie meist von Anwohnern versorgt. Entfernten sich die Soldaten von der Truppe, weil sie es einfach nicht mehr aushielten oder nach Hause wollten, wurden sie unbarmherzig verfolgt. Auch das war kein Thema in der DDR-Gesellschaft. Dafür gab es ganz offiziell „Deutsch-sowjetische Freundschaft“, Brief-Freundschaften von Schülern mit Schülern in der Sowjetunion, aber auch hier kaum echte Begegnungen.

 

So wurde durch den Revisionismus - Marxismus in Worten und Verrat am Sozialismus in Taten -auch ein Boden für Rassismus und Faschismus gelegt. Nach der Wiedervereinigung eskalierte dieser in Magdeburg in üblen Hetzjagden auf Migranten am Beginn der 1990er-Jahre. Faschisten und reaktionäre Kräfte aus dem Westen, die nach der "Wende" zuzogen, hatten daran allerdings auch großen Anteil.

 

Heute haben wir eine Situation, in der die AfD in Magdeburg eine Zustimmung von 20 – 30 % bei Wahlen erreicht. Andererseits sagen viel mehr Menschen als früher „AfD geht gar nicht“, nehmen deutlich Stellung dagegen ein. Die Mehrheit will die Faschisten nicht. Der Betrug des „real existierenden Sozialismus“ muss durchschaut werden, das macht einen neuen Anlauf für den Sozialismus erst möglich.

 

 

 

 

 

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