Auch Gronau und Lingen
Alle Atomanlagen sofort stilllegen!
Seit 15. April 2023 sind die letzten drei deutschen Atomkraftwerke Emsland, Neckarwestheim II und Isar 2 stillgelegt. Das war höchste Zeit. Es gibt in Deutschland aber weitere zwei Atomanlagen, die munter weiter produzieren: Die Atomanreicherungsanlage Gronau in Nordrhein-Westfalen und die Atomfabrik Lingen in Niedersachsen.
In Gronau wird mittels Gaszentrifugen Uranhexafluorid (UF6), das zu 0,7 Prozent das strahlende natürliche Uran 235 enthält, auf ca. 5 Prozent angereichert, was für die Kernspaltung in Atomkraftwerken notwendig ist. Die Kapazitäten reichen aus, um 21 große Kernkraftwerke permanent mit angereichertem Uran zu versorgen. Dieses angereicherte Uran wird in alle Welt exportiert. Außerdem hat das Gelände der Anlage eine Lagerkapazität von 60 000 Tonnen für abgereichertes Uranoxid. Mehrfach gab es in der Anlage Vorfälle von Kontamination von Mitarbeitern mit radioaktiven Stoffen. Die Anlage selbst wird betrieben von URENCO Deutschland, das inzwischen zu 100 Prozent dem britischen Staat gehört.
Die zweite noch laufende Atomanlage steht in Lingen in unmittelbarer Nähe zum abgeschalteten Atomkraftwerk Emsland in Niedersachsen. Diese Anlage dient der Herstellung von Brennelementen, inzwischen ausschließlich ausländischer Kernkraftwerke. Betreiber ist die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF). Diese ist wiederum eine Tochter des französischen Framatom-Konzerns, der eine Tochter der französischen EDF ist, dem weltweit größten AKW-Betreiber. Framatom hat inzwischen ein Gemeinschaftsunternehmen mit der russischen Rosatom-Tochter TVEL gegründet. Mit dieser Zusammenarbeit wird auf den Ausbau der Atomfabrik Lingen hingearbeitet mit dem Ziel, Brennelemente russischer Bauart herzustellen.
„Rosatom ist der größte AKW-Konstrukteur weltweit mit zuletzt 35 Projekten in 12 Ländern...Viele der Reaktoren werden über russische Staatsbanken vorfinanziert. Das schafft jahrzehntelange Abhängigkeiten, die Russland politisch nutzt. Aktuelle Beispiele sind das AKW Akkuyu in der Türkei oder das Neubauprojekt Paks II in Ungarn.“ [1] Die Beteiligung von Rosatom in Lingen ermöglicht es, Sanktionen zu umgehen und weiter Geld in die russische Kriegskasse zu spülen.
Solche Deals sind nicht unabhängig von der Herstellung von Atomwaffen. Denn die Kernbrennstoffe sind auch ein Ausgangsmaterial für deren Bau. „Mit der Förderung von Atomkraftwerken ist eine militärische Nutzung der Atomkraft engstens verknüpft. Offenherzig führte der französische Präsident Emanuel Macron aus: "Ohne zivile Atomkraft keine militärische Atomkraft, ohne militärische Atomkraft keine zivile Atomkraft.“ [2] Scheinheilig schreibt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz: „Die Anlagen in Gronau und in Lingen verfügen über gültige, unbefristete Genehmigungen nach dem Atomgesetz.“ [3] Die Regierung vertritt damit die Interessen der internationalen Atommonopole.
Am 17. Juli informiert die IPPNW (Ärzte gegen den Atomkrieg) über einen Atomunfall in der russischen Atomfabrik Novouralsk. „Dort starb nach russischen Angaben mindestens ein Arbeiter, weil ein Fass mit Uranhexafluorid undicht geworden war. Über 100 Personen wurden nach der 'Explosion' ins Krankenhaus eingeliefert. Betreiber der Atomanlage in der 'geschlossenen Stadt' in der Nähe von Jekaterinburg am Ural ist der Staatskonzern Rosatom.“ Weiter heißt es in dieser Pressemitteilung: „Seit Mitte der 1990er-Jahre hat der deutsch-niederländisch-britische Atomkonzern Urenco aus den Uranfabriken in Gronau/Westfalen bzw. Almelo/Niederlande mehrere Zehntausend Tonnen abgereichertes Uranhexafluorid als Abfallstoff nach Russland geschickt, um die wesentlich teurere Entsorgung in Deutschland und den Niederlanden zu umgehen.“
Angesichts dieser Tatsachen ist es völlig berechtigt, die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen zu fordern, die eine Gefahr für das menschliche Leben darstellen. Diese Forderung muss auch zentraler Bestandteil der Demonstrationen und Kundgebungen zum Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs auf Hiroshima im Jahr 1945 am 6. August sein.
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