Raststätte Gräfenhausen
Kämpferische Trucker wieder im Streik
Seit Dienstag, dem 18. Juli, streiken wieder Trucker bei Darmstadt, um monatelang fehlenden Lohn zu bekommen. Auf der Raststätte Gräfenhausen West in der Nähe von Darmstadt stehen 103 Sattelauflieger - ordentlich in Reih und Glied und mit freier Durchfahrt.
Wie wir erfuhren, Gräfenhausen Ost: weitgehend voll von Sattelaufliegern – ebenfalls in leuchtendem Blau. Wie zu hören war, auf zwei südlicheren Raststätten das Gleiche: Sattelauflieger in Blau mit dem Schriftzug LUK MAZ oder AG MAZ – nach Lukasz und Agniezka Mazur, einem polnischen Transportkonzern mit drei Firmen. Einer unserer Gesprächspartner schätzt, dass es insgesamt 150 bis 170 Trucker-Kollegen sind, hauptsächlich aus Kasachstan, Usbekistan und Georgien. Sie sind selbstbewusst, energisch, gut gelaunt und einig darin, ihrem finanziell und offensichtlich in Polen schwergewichtigen und politisch mächtigen Chef (mit einer Masse an Finanzkapital im Rücken?) Paroli zu bieten – auch die nächsten ein oder zwei Monate, wenn es sein muss – so war zu hören.
Sie bekommen 80 € für einen (mindestens) 13-Stunden-Tag versprochen und immer wieder nur um die 50 € bezahlt. Im schriftlichen Vertrag steht sogar nur ein Bruchteil – aus Steuergründen – wie uns gesagt wurde. Hat Lukasz Mazur aus dem 5-wöchigen Osterstreik von etwas über 60 Truckern „nichts gelernt“, wie Gewerkschafter sagen und die Presse schreibt? Nein, er hat seine Methoden gegen streikende Trucker geändert. Schließlich ermittelt die Darmstädter Staatsanwaltschaft gegen ihn, weil er unmittelbar vor Ostern mit einem gepanzerten Fahrzeug und paramilitärisch auftretenden Security-Leuten gegen die Trucker vorging – Verstoß gegen das Kriegswaffen-Kontroll-Gesetz, Verstoß gegen das Versammlungsrecht, Verdacht auf Körperverletzung.
Seine Methode nun: teils relativ schnelle Zahlung nach Forderung von Kollegen (oder auf Druck von wichtigen Kunden hin?), Teilzahlungen oder sogar Nichtzahlung seit Mai von etlichen LKW-Fahrern und sogar noch längere Ausstände. Seine Methode ist also nun vor allem: Spaltung. Während es bei anderen Transport-Firmen üblich ist, dass sie nach drei Monaten nach Hause fahren können, sind Trucker bei LUK MAZ oder AGMAZ auch mehr Monate von zu Hause weg. Ihr Heim ist ihr Truck. Vermutlich als taktische Antwort der Trucker auf die Scheinselbständigkeit, die zugenommen hat, mit Schadensersatz-Drohung haben die Trucker vor dem Streik bei den Kunden die Waren abgeliefert und die Sattelauflieger leer gemacht. Das hat den Vorteil, dass es darin auch aussehen kann wie in einer Wohnung – Wohnzimmer oder Küchentisch mit Stühlen rundherum.
Die Trucker – wobei die Sattelauflieger nach Berichten geliehen sind – müssen, wie zu hören oder zu lesen ist, Strafzettel selbst zahlen und bekommen für Ersatzteil-Beschaffungen Lohnabzüge. Das Ganze nicht weit weg von Sklaverei. Das sagen Gewerkschafter zu all dem und das entspricht den Gefühlen der Kollegen. LUK MAZ und AG MAZ sind nach Gewerkschaftsangaben kein Einzelfall in Europa, sondern die Spitze eines Eisbergs.
„Gräfenhausen“ ist in Europa zu Recht zum Synonym des Kampfs gegen die Ausbeutung im Transportbereich geworden, der gemeinsame Streik der Trucker in Gräfenhausen ist von unschätzbarem Wert und ein Politikum erster Güte. Völlig zu Recht erfahren die streikenden Trucker allerhand Unterstützung – auch von der Presse und von lokalen Politikern. Von uns nahmen die Kollegen die Solidaritätsbekundung der MLPD und mit einem herzlichen Dank einige Exemplare des Parteiprogramms auf russisch. Sie sind gespannt auf diese Korrespondenz in Rote Fahne News.