Zum 90. Geburtstag der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann
Brigitte Reimann – „Hunger nach Leben“ im Sozialismus [1]
Am 21. Juli wäre Brigitte Reimann 90 Jahre alt geworden. Doch sie starb 1973 im Alter von nur 39 Jahren an Krebs. Als lebenshungrige junge Frau war sie überzeugte leidenschaftliche Anhängerin des Sozialismus.
Und gerade darum litt sie enorm an der schleichend beginnenden und schließlich siegreichen bürokratischen Fehlentwicklung der jungen DDR. Sie sah ihre Aufgabe als Schriftstellerin darin, „mit meinen Werken die Menschen zu erziehen und besser zu machen, reif für eine schöne Zukunft.“
Dazu beschritt sie voller Überzeugung den 1959 von der DDR-Führung initiierten „Bitterfelder Weg“: Um die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ zu überwinden, sollten Künstler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller bewusst in Fabriken, Bergwerken und LPGs arbeiten. Die Künstler sollten so das Leben der Arbeiter widerspiegeln. Und andererseits sollten die Arbeiter bei der Entwicklung eigener künstlerischer Tätigkeit unterstützt werden. Von 1960 bis 1968 lebte Brigitte Reimann in der neu aus dem Boden gestampften Braunkohlestadt Hoyerswerda und arbeitete dort teilzeit im VEB Kombinat „Schwarze Pumpe“. In der übrigen Zeit leitete sie einen „Zirkel schreibender Arbeiter“ und schrieb ihre ersten Bücher, mit denen sie in der DDR schnell berühmt wurde. Mit ihrem sozialistischen Enthusiasmus und teilweise auch Idealismus geriet sie dort schnell in heftigste Konflikte mit angeblichen Sachzwängen, mit Frauenfeindlichkeit und Sexismus, mit Bürokratismus, Privilegiendünkel und Heuchelei bei Parteibürokraten.
Selbstbewusst und mutig stemmte sie sich gegen diese Entwicklung getreu ihrem Grundsatz: „Nur nicht schweigen, nur nicht schweigend Falsches mit ansehen, und dadurch es billigen.“ Ihre Kritik wandte sich nie gegen den Sozialismus selbst, sondern gegen verschiedenste Erscheinungsformen der bürokratisch-kleinbürgerlichen Denkweise. Ihre Bücher – insbesondere der unvollendete Roman „Franziska Linkerhand“ - reihen sich ein in ähnliche sozialistische aber kritische Bücher wie von Christa Wolf, Erwin Strittmatter („Ole Bienkopp“), Erik Neutsch („Spur der Steine“), Werner Bräuning („Rummelplatz“). Sie alle wurden von der DDR-Bürokratie mit einer widersprüchlichen Mischung von Lobhudelei, kritischer Infragestellung und schlichter Zensur mit äußerst spitzen Fingern behandelt.
Über eine Besonderheit von Brigitte Reimanns Büchern schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: »Was Reimanns Romane groß und schön und umwerfend macht, sind ihre Frauenfiguren. Die sind so naiv, selbstbewusst, um keine Antwort und Widerrede verlegen, sinnlich und intelligent, dass man nur staunen kann.« Ein solche „Frauenfigur“ war auch sie selbst: Einen Artikel zur Würdigung von Ulbrichts 70. Geburtstag zu schreiben lehnte sie ab: „Ich streike, und wenn ich bei Ihnen verschissen habe in alle Ewigkeit.“ Wenn, dann sollen andere „schleimige Widerlichkeiten“ zu Papier bringen. Bei einer Feier der führenden Schriftsteller der DDR stand sie wutentbrannt auf und rief im Rausgehen von der Tür sinngemäß: „Ich kann euer spießiges Gehabe und Gerede nicht mehr ertragen!“
Ihr literarisches Werk widerspiegelt anschaulich und facettenreich den letztlich gescheiterten Kampf in den fünfziger bis siebziger Jahren der DDR zwischen großen sozialistischen Idealen und Bemühungen vieler DDR-Bürger – wie ihr - und deren schrittweiser Verbiegung, Zermürbung und schließlich Unterdrückung durch die bürokratisch-kapitalistische Entwicklung der DDR.