Berlin
"Freibad-Debatte" ist ausländerfeindliche Hetzkampagne!
„Gewalt im Freibad“ titelt das ZDF-Morgenmagazin. „Sittenverfall!“ schreibt die Welt. Illustriert mit Symbolbildern und -videos von durchschnittlich 2014. Aktuelle Aufnahmen? Weit gefehlt! Innenministerin Faeser fürchtet wieder einen rechtsfreien Raum und reagiert, wie immer öfter, mit der Forderung nach Polizeipräsenz. Was ist wirklich los?
Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister e.V., sieht das Problem am 13.7. gegenüber der BILD so: „(…) in einigen Freibädern, in Gebieten, in denen der Migrationshintergrund überproportional gestiegen ist, kommt es seit zehn Jahren immer häufiger zu Übergriffen.“ Man beachte, dass er die Verantwortung für diesen angeblichen Trend nicht direkt den Migranten zuschiebt. Aber man hat schon mal die "Gebiete" mit "Migranten" in die Nähe von Randale gerückt. Das tut Herr Harzheim wohl, weil kaum etwas Konkretes bekannt ist. Hat er sich mal gefragt, ob es dicht bevölkerte Stadtteile mit einer ganz bescheidenen Freibaddichte sind?
Es ist so eine „Jeder weiß doch“-Geschichte. Solche Geschichten nützen in Deutschland vor allen Dingen der AfD. Verbunden ist das mit Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und fast schon Volksverhetzung. Man weiß zwar eigentlich nicht viel, aber die Täter sind schon mal alle Kinder aus Clanfamilien. "Wir" müssten jetzt unsere Kinder und Frauen (Männer, eilt herbei) gegen angeblich wilde Männerhorden schützen.
Überfüllung
Der objektive Hintergrund für einige Probleme ist eher in der Überfüllung der Bäder, auch wegen der Bäderschließungen, sowie im unterbesetzten und überforderten Personal zu sehen (frei nach: Überfüllung bringt Geld, Personal kostet Geld). Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin, lehnte im Welt-Interview am 13.7. Polizeipräsenz im Freibad ab und sagte stattdessen: „Aber klar ist, wenn weniger Menschen in den Freibädern sind, dann wird es auch weniger Auseinandersetzungen geben.“ Und weiter: „Genau die Betreiber der Bäder und die Bezirke sind hier in der Pflicht, was zu tun.“ Auch wenn es weniger Einnahmen bedeuten würde, wenn man auf eine Überfüllung der Bäder verzichtet.
Wie viel Gewalt gibt es wirklich?
Das Problem der „Freibad-Randale“ ist jedenfalls nicht so groß, wie es nun geredet wird, und erst Recht kein Kulturkampf. Einer Strafanzeige voran geht die Anwendung des Hausrechts durch die Bäderbetreiber. In Berlin wurden aber nur 1287 Hausverbote in den letzten fünf Jahren ausgesprochen - 1,7 Millionen Besucherinnen und Besucher hatten die Berliner Bäder alleine im Sommer 2022. Das ergab eine Anfrage der AfD im Abgeordnetenhaus – auch wenn sich die AfD sicher etwas anderes erhofft hatte.
Dabei machen Gewaltdelikte den kleinsten Anteil aus: Nur 75 Hausverbote wurden wegen Körperverletzung ausgesprochen. Hochgerechnt ein Hausverbot aus diesem Grund pro 100.000 Besucher. Wegen „Leistungserschleichung“ - also zum Beispiel nicht bezahltem Eintritt – waren es hingegen 2,54 Mal so viele, nämlich 191. „Brennpunktbäder“ gibt es in Berlin übrigens laut regierendem Bürgermeister Kai Wegener drei - von 61. Natürlich muss man Verrohung entgegentreten und sich für ein solidarisches Verhalten einsetzen. Aber es ist typisch für die Rechtsentwicklung in den Medien, was hier für eine Hetzkampagne losgetreten wird.
Rangelei im "Sternenfels" contra Ammenmärchen
Und dass es früher nie Rangeleien in Schwimmbädern gegeben haben soll, ist ein Ammenmärchen. Nehmen wir ganz willkürlich einmal die Chronik 1939 bis 2009
zum 70-jährigen Bestehen des Freibads Sternenfels zur Zeit vor einigen Jahrzehnten: "Es war damals schon von Vorteil, dass in Sternenfels fast alle Kinder und Jugendlichen
schwimmen konnten und somit das kleine Freibad mit viel Stolz gegen die Auswärtigen verteidigt wurde. Von so mancher Rangelei wurde berichtet, wo die Sternenfelser
Jugend die Derdinger Jugend den Berg runter gejagt und verfolgt hatte. So wurde es schmunzelnd von Beteiligten vom Bad Gründle erzählt."