30 Jahre Arbeitskampf in Bischofferode
Unseren Stolz und unsere Tradition konnten sie uns nicht nehmen
Anlässlich des 30. Jubiläums des Kampfs der Kali-Kumpel in Bischofferode unternahmen die Vorbereitungsgruppe Kali-Werra-Revier für die Internationale Bergarbeiterkonferenz (IMC) und Genossen der MLPD einen Ausflug nach Bischofferode.
Bei Einsätzen in Wohngebieten und vor einem Supermarkt haben wir ca. 60 Euro an Spenden für internationale Konferenzteilnehmer gesammelt. Viele Flyer für die Bergarbeiterkonferenz wurden übergeben und auch einige Exemplare der neuen Landeszeitung der MLPD "Thüringer Arbeiterstimme". Sie hat den Kampf der Kali-Kumpel als Titelthema.
Bei vielen Menschen ist der Bergbau und der damalige Kampf noch sehr präsent. Einige reagierten erfreut auf die Einladung zur 3. Internationalen Bergarbeiterkonferenz: "Das ist gut, das gebe ich meinem Vater, der hat damals im Kali-Werk gearbeitet.“ Ein ehemaliger Kumpel, der beim Hungerstreik dabei war, hat bis heute eine große Wut auf die Treuhand und darauf, wie die Kumpel damals behandelt wurden.
Das wurde dann auch deutlich, als wir uns anschließend im Kali-Museum im Thomas-Müntzer-Kaliverein mit vier Kumpel, die damals führend im Kampf waren, trafen. Im Kali-Werk waren damals bis zu 2000 Menschen beschäftigt. Neben den Schächten gab es eine Fabrik zur Weiterverarbeitung, ein Kraftwerk, Werkstätten usw. Das heutige Museum war damals Poliklinik – direkt gegenüber dem Eingang zum Werk.
13.000 Tonnen Kali wurden täglich gefördert - in einem Unter-Tage-Straßennetz, das größer als Leipzig ist. Der Kalianteil am Gesamtabraum lag etwa doppelt so hoch wie z.B. im hessischen Philippsthal. Das Kali aus Bischofferode wurde weltweit exportiert, z.B. nach Skandinavien für die chemische Industrie. In den Schächten lagerte noch Salz für 50 weitere Jahre Produktion. Die Technik in Bischofferode war damals auf dem neuesten Stand – vieles wurde nach der Schließung von K+S ins Werk Werra abtransportiert und ist bis heute in Betrieb!
Trotzdem wurde auch von den damaligen IGBCE-Führern behauptet, Bischofferode könnte sich nicht mit den Werken in Westdeutschland vergleichen. Den damaligen Betriebsräten um Gerhard Jüttemann war deshalb klar, dass es eine politische Entscheidung war, Bischofferode zu schließen. In der Diskussion wurde deutlich, dass die Treuhand als Instrument der westdeutschen Monopole den Auftrag hatte, mit Bischofferode einen Konkurrenten von K+S aus dem Weg zu räumen. Die Treuhand liquidierte massenhaft DDR-Betriebe oder verschenkte sie an die westdeutschen Monopole. Dazu wurde das Märchen von den unproduktiven DDR-Arbeitern, denen man „erst mal das Arbeiten beibringen“ müsse, verbreitet. Das wird auch in der Sonderausstellung „Schicksal Treuhand – Treuhand-Schicksale“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung deutlich, die im Moment im Kali-Museum ausgestellt ist.
„Wie ist es gelungen, im Gegensatz zu vielen anderen DDR-Betrieben, dass es in Bischofferode zu diesem erbitterten Kampf kam?“, wollten wir von ihnen wissen. Das Entscheidende war der gute Zusammenhalt und der hohe Grad an Selbstorganisation der Kumpel. Der Betriebsrat war jeden Tag nach der Frühschicht vor dem Tor, um die Kollegen zu informieren. Neben dem Betriebsrat wählten die Kollegen noch einen Sprecherrat als zusätzliches Gremium - mit Vertretern der verschiedenen Betriebsteile. Wichtig war auch das, was uns ein Kumpel beim anschließenden Picknick erzählte: Viele der Kumpel kannten sich von klein auf, sind rund um den Schacht und mit familiärem Bezug zum Bergbau aufgewachsen und wussten, dass sie sich aufeinander verlassen können: „Wir haben uns alle schon mal nackt gesehen.“ (täglich in der Großraumdusche)
Auch wenn die Schließung nicht verhindert werden konnte und sich die Kumpel letztlich auf einen Sozialplan einließen, wirkt der Kampf bis heute nach und hat einen festen Platz in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Bei ihren Erzählungen sprudelte es regelrecht aus ihnen heraus und man konnte so jedes Detail, sowohl ihrer Arbeit als Bergleute als auch ihres monatelangen Arbeitskampfes, nachvollziehen ohne selbst dabei gewesen zu sein. Einer der Kumpel sagte dann: „Unsere Arbeit haben sie uns genommen, nicht aber unseren Stolz und unsere Tradition“.
Das Museum lässt den Kampf und die Solidarität (20.000 Solidaritätserklärungen aus der ganzen Welt!) lebendig werden: ein großes Solidaritätstransparent von Kollegen aus Ludwigshafen („Wir kennen BASF schon lange“ - damals gehörte K+S noch zu BASF). Ein Plakat der Initiative „Arbeitsplätze für Millionen“ aus Kassel, ein Plakat vom REBELL Saarbrücken und vieles andere. „Die Solidarität war überwältigend“, sagte einer der Kumpel. „Auch von rechts haben welche versucht, sich draufzusatteln. Die haben wir aber alle rausgeschmissen.“
Diese selbstbewussten Kumpel mit ihrem hohen Grad an Klassenbewusstsein zu erleben, war sehr prägend für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer unseres Ausflugs. Schade, dass noch zu wenig Jugendliche dabei waren. Im Keller des Hauses ist dann ein Schacht nachgebaut, mit vielen Exponaten, die von den Kumpel vor der Schließung des Werks gerettet wurden.
Zur Verabschiedung stellten wir uns auf der anderen Straßenseite bei der Thomas-Müntzer-Büste (die von den Kumpel vor dem Abriss gerettet wurde) und der Tafel mit seinem Spruch „Alle Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk“ auf und sangen „Glück Auf!“ Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 3. Internationalen Bergarbeiterkonferenz, die vor oder nach der Konferenz noch Zeit haben, ist ein Besuch in Bischofferode empfohlen, mit sehr viel Herzblut gestaltet und unbedingt sehenswert!
Dieser Artikel steht Leserinnen und Lesern von Rote Fahne News kostenfrei zur Verfügung. Die Erstellung von Rote Fahne News ist jedoch nicht kostenlos. Hier erfahren Sie / erfahrt ihr, wie man bequem für Rote Fahne News spenden kann!