Russland
Mit Atomangriff den atomaren Weltkrieg verhindern?
Der russische Politikwissenschaftler Sergei Alexandrowitsch Karaganow sprach sich schon am 13. Juni in einem international verbreiteten Artikel dafür aus, dass Russland beabsichtige, "die inakzeptabel hoch angesetzte Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen zu senken und sich auf der Abschreckungs-Eskalationsleiter schnell, aber umsichtig nach oben zu bewegen." Sein Lösungs-Vorschlag: Die Vernichtung eines Ziels in Europa mit einer Atombombe.
"Indem wir den Willen des Westens brechen, die Aggression fortzusetzen, werden wir nicht nur uns selbst retten und endlich die Welt vom fünfhundertjährigen westlichen Joch befreien, sondern auch die Menschheit retten." Karaganow ist in der russischen Politik kein Unbekannter: Er war Berater von Boris Jelzin und Putin. Heute noch gilt er als Vertrauter von Putin und Außenminister Lawrow. Aktuell ist er Leiter der Denkfabrik "Rat für Außen- und Verteidigungspolitik" und Dekan an der Fakultät für Weltwirtschaft und internationale Angelegenheiten an der Wirtschaftshochschule Moskau.
Seiner Schlussfolgerung voran geht die (richtige) Analyse, dass Russland den Krieg in der Ukraine nicht gewinnen kann. "Wir können noch ein, zwei oder drei Jahre weiter kämpfen, Tausende und Abertausende unserer besten Männer opfern und Zehntausende und Hunderttausende Menschen niedermachen, die in den Gebieten leben, die heute Ukraine heißen und in die tragische Geschichte geraten sind. Aber diese Militäroperation kann nicht mit einem entscheidenden Sieg enden, ohne den Westen zu einem strategischen Rückzug oder sogar zur Kapitulation zu zwingen (…)" Deswegen müsse der Krieg zu einem atomaren Weltkrieg eskalieren, wenn Russland es nicht auf sich nähme, den Westen aufzuhalten. Das wiederum hält Karaganow nur für möglich, wenn Russland mit einem Atomangriff beweist, dass die USA nicht bereit sind, tatsächlich einen atomaren Schlagabtausch für Europa in Kauf zu nehmen.
"Was aber, wenn sie nicht nachgeben?" wirft Karaganow die offensichtliche Frage selbst auf. "In diesem Fall müssen wir in mehreren Ländern eine Reihe von Zielen zerstören, um diejenigen, die den Verstand verloren haben, zur Vernunft zu bringen." Spätestens hier wird klar, dass Karaganow mit seiner Argumentation nichts anderes erreichen kann, als den vernichtenden atomaren Schlagabtausch, vor dem Russland die Welt angeblich bewahren soll, selbst zu rechtfertigen.
Karaganow ist momentan eher nicht in der Position, seine Vorstellungen durchzusetzen. Noch ist die Eskalation im Ukrainekrieg nicht so weit fortgeschritten, dass die führenden herrschenden Kreis in NATO oder Russland unmittelbar einen atomaren Schlagabtausch wünschen, gerade angesichts der ablehnenden Haltung der Massen. Solche Diskussionen sind aber eine Vorbereitung auf spätere Atomschläge, und diese Vorbereitung gibt es in NATO und USA auch.
Der aktive Widerstand gegen den Ukrainekrieg muss mit dem Kampf für Verbot und Vernichtung aller ABC-Waffen verbunden werden.