Witten
DEW-Beschäftigte sollen über Lohnverzicht abstimmen
Überraschend informierten IG Metall und Betriebsrat sowie die Konzernleitung von SwissSteel am Montag, 10. Juli die Belegschaft von Deutsche Edelstahlwerke Witten (DEW) über ein Verhandlungsergebnis zur „Restrukturierung“ der Edelstahlwerke in Deutschland. Das Ergebnis liegt schon seit dem 5. Juli vor und wurde die letzten Tage vor den Kolleginnen und Kollegen geheim gehalten. Nun sollen die Beschäftigten am heutigen Mittwoch, 12. Juli, auf zwei Betriebsversammlungen über das Ergebnis abstimmen.
Über was soll da genau abgestimmt werden: Vernichtung von 356 Arbeitsplätzen, kompletter Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld für 2023, für 2024 sollen dann nur 45 Prozent ausbezahlt werden, die nächste Tariferhöhung soll um sechs Monate verschoben werden (für Nicht-IG-Metall-Mitglieder sogar um zwölf Monate), die vereinbarte zusätzliche tarifliche Vergütung wird für 2023 nur als freie Tage gewährt, 2024 gibt es überhaupt keine Auszahlung noch freier Tage, übertarifliche Zulagen werden reduziert, ein Inflationsausgleich von jeweils 1000 Euro im Dezember 2023 und März 2024 werden ausgezahlt - aber auf ein eventuelles Tarifergebnis für die Stahlindustrie angerechnet. Bis Ende 2024 soll es keine betriebsbedingte Kündigung geben. 37 Millionen Euro würden dadurch eingespart. Bei 4000 Beschäftigten sind es im Schnitt 9250 Euro Lohnkürzung pro Beschäftigtem.
“Zukunft DEW 2025“ hat die Geschäftsleitung ihr Programm genannt und sich mit diesem sogenannten Verhandlungsergebnis weitgehend durchgesetzt. IG-Metall-Verhandlungsführer und Leiter des Stahlbüros der IG Metall, Heiko Reese, versucht, den oberfaulen Kompromiss zu rechtfertigen: „Das Verhandlungsergebnis ist schmerzhaft, aber wir halten den Schmerz so gering wie möglich“. Im Frühjahr hatte er die Forderungen der Geschäftsleitung noch als Horrorkatalog angeprangert.
Als Erfolg verzeichnet er, dass die geforderte 40-Stunden-Woche ohne Bezahlung nach harten Verhandlungen vom Tisch genommen wurde, aber – so Reese - zur Restrukturierung des Konzerns gebe es keine Alternative. Er beruft sich dabei auf Prof. Heinz Bontrup, der als Berater und Gutachter für die IG Metall mitherangezogen wurde.
Betriebsratsvorsitzender Burak Bilal wirbt für das Ergebnis: „So schwierig die Situation auch sein mag - die Restrukturierung der DEW ist dringend notwendig. Wir tragen die nötigen Schritte mit, und die Beschäftigten leisten einen erheblichen Beitrag damit das Unternehmen gesunden kann. Das schmerzt, aber es ist alternativlos“.
Alternativlos ist ein solches Vorgehen nur für Co-Manager die der Argumentationslinie der Konzernleitung folgen, deren Ziel es ist, führender Spezialstahlhersteller Europas zu werden und die ihre Krisenlasten in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise auf die Beschäftigten abwälzen wollen.
Dieses Ergebnis muss abgelehnt werden!
Als ob die Kollegen es geahnt hätten, dass ein fauler Kompromiss unmittelbar vor dem Abschluss steht, wurde am Montag, den 10. Juli, zeitlich eine Extraausgabe der Zeitung von Kollegen für Kollegen im Stahlbereich, Stahlkocher, vor dem Tor verteilt, in der zum Kampf gegen das Programm „Zukunft DEW 2025“ aufgerufen wurde: „Das Programm ist eine Kampfansage an die Beschäftigten“.
Über die zwei gegensätzlichen Richtungen des Kampfes führte die Extraausgabe aus: Zu den Verhandlungen zwischen Betriebsrat und IG Metall mit der Konzernleitung über die geforderte ‚finanzielle Brücke von allen Arbeitnehmern durch geänderte Tarif- und Betriebsvereinbarungen‘. Seit sechs Jahren werden wir mit einem Beitrag der Belegschaft geschröpft, ohne dass wir einen Cent wiedergesehen haben, stattdessen weniger Leute, Arbeitshetze und Flexibilisierung. Der Weg weiterer Verhandlungen wird vielleicht mit minimalen Zugeständnissen für unser Stillhalten enden, aber er ist eine Sackgasse und kann nur im weiteren Verzicht und Arbeitsplatzabbau enden. Die Mehrheit will keinen weiteren Verzicht. Das durchzusetzen wird nicht im Verhandlungszimmer sondern nur in einem konsequenten Kampf entschieden. Im Vertrauen auf die Kampfkraft muss der Weg des Kampfes gestärkt werden.“
Wir haben dazu gute Voraussetzungen müssen jedoch mit hemmenden Einflüssen, Meinungen und Denkmustern fertig werden. Egal, wie die (erpresserische) Abstimmung am heutigen Mittwoch ausfällt, es gilt weiterhin, Schlussfolgerungen für weitere Kämpfe zu ziehen.