Trauer und Wut nach Polizeimord

Trauer und Wut nach Polizeimord

Jugendrevolte in Frankreich

An diesem Wochenende wurde der 17-jährige Nahel beerdigt. Er wurde am Dienstag bei einer Straßenkontrolle der Polizei eiskalt erschossen. “Das war Mord“, ruft Frankreichs Jugend. Immer wieder kommt es zu solchen Tötungen durch die Polizei.

Von einer Korrespondentin
Jugendrevolte in Frankreich
Bild vom Kampf gegen die Rentenpläne der französischen Regierung Anfang des Jahres (foto: UPML)

Diese geht mit aller Härte gegen die Jugendlichen vor. Sie verschießt ihren Vorrat an Tränengasgranaten von einem Jahr in nur drei Tagen. Doch die Rebellion weitet sich auf das ganze Land aus. Ein vergleichbares Ereignis gab es zuletzt 2005, als zwei Jugendliche von der Polizei ermordet wurden, worüber Stefan Engel, Leiter des theoretischen Organs der MLPD, REVOLUTIONÄRER WEG, in dem Buch „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ berichtet: „Auslöser war 2005 das Schicksal zweier Jugendlicher, die von der Polizei in den Tod gejagt wurden. Daraufhin lieferten sich Jugendliche tagelang Straßenschlachten mit der Polizei. Sie attackierten die rassistische Diskriminierung, der Migranten und ihre Kinder ausgesetzt waren, und prangerten die Arbeitslosigkeit von bis zu 50 Prozent bei Jugendlichen sowie die allgemeine Perspektivlosigkeit an. Sie zerstörten Symbole des verhassten bürgerlichen Staats und forderten den Rückzug der Bürgerkriegstruppen aus den Vorstädten. Solche Jugendrevolten in den verschiedensten Formen werden sich häufen. Sie dürfen aber nicht glorifiziert werden, wie es anarchistische Kräfte tun: allein aufgrund ihrer radikalen Kampfformen. Denn ohne Verbindung zur Arbeiter- und Volksbewegung und ohne gesellschaftliche Perspektive bleiben sie blinde Rebellionen, unfähig, die Gesellschaftsordnung zu verändern, gegen die sie anrennen.“

 

Allein am Donnerstagabend, am Tag der organisierten Protestdemonstration „weißer Marsch“ waren mehr als 40.000 Polizisten und Gendarmen im Einsatz – fünfmal mehr als am Vortag. Das verschärfte die Situation und die Wut richtete sich gegen die verhassten Repräsentanten des Staats. Erstmals wurden im Landesinneren Einheiten der BRI eingesetzt, eine Interventionseinheit zur Terrorismusbekämpfung. In Lille, Bordeaux und Bondy fuhren sie in gepanzerten Fahrzeugen Patrouille. Der öffentliche Verkehr wurde in den großen Metropolen, wie Paris, Marseille, Lyon und Lille bereits abends eingestellt. In Lille wurde zudem eine Ausgangssperre für unbegleitete Minderjährige von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens eingeführt. Das ist Staatsterror gegen die Jugend! Dutzende Gebäude der Polizei, der Gendarmerie und weitere öffentliche Gebäude brennen.

Mit einem Schlag verschärfte sich die politische Krise in Frankreich wieder akut

Präsident Emmanuel Macron muss frühzeitig vom EU-Gipfel in Brüssel zurückkehren und seine Reise nach Deutschland absagen. Die Regierung berät über die Ausrufung des Ausnahmezustands. Doch dieses Mittel nutzt sich ab, genau so wie die ganze Farce der bürgerlichen Demokratie. Die alltägliche Erniedrigung und Perspektivlosigkeit, welche die Jugend in den Banlieus erlebt, bricht heraus und wird offensichtlich. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt immer noch bei offiziell rund 17 Prozent und damit fast dreimal so hoch wie in Deutschland. Jetzt echauffieren sich alle reaktionären bürgerlichen Kräfte über diese nun offensichtliche Gewalt. Doch die Gewalt geht vom Staat aus. In der blinden Rebellion trifft es auch unschuldige Autobesitzer, Bäckereien oder andere Ladenbesitzer, was nicht zu akzeptieren ist. Längst bleiben die Jugendlichen aber nicht in ihren Vierteln, sondern verabredeten sich auf dem dekadenten Luxusboulevard Champs Elysée, um gegen die kleine reiche Herrscherklasse zu protestieren. Die wahren Brandstifter sind die Rechten, wie Marine Le Pen, die die migrantische Jugend für alles verantwortlich machen. Diese Kinder, Enkel und Urenkel der von Frankreich ausgeplünderten Kolonien leben meistens seit ihrer Geburt in Frankreich. Größtenteils selbst Arbeiter, spüren sie die kapitalistischen Krisen besonders und deshalb ist es auch kein Zufall, dass ihre Wut jetzt explodiert.

 

Zuletzt entfaltete sich die Jugendrebellion in Frankreich in Verbindung mit den Protesten gegen die Heraufsetzung des Rentenalters. Die Rebellion der Jugend ist noch sehr instabil und ziellos. Umso wichtiger ist es, auch in Frankreich die revolutionäre Partei und den revolutionären Jugendverband aufzubauen. Die Perspektive einer sozialistischen Gesellschaft ist notwendig, damit die Rebellion nicht in Resignation umschlägt. Wenn sich diese Jugendlichen mit der Arbeiterbewegung verbinden und ihre Lage erkennen, wer will sie aufhalten? „In allen bisherigen revolutionären Erhebungen spielte die Jugend die Rolle der praktischen Avantgarde. Sie ist eine unerschöpfliche Kraft für den Sieg der internationalen Revolution.“ (Stefan Engel, „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“, Seite 512).