Erste Leiharbeiter-Übernahmen bei Opel Rüsselsheim
1:0 für die Kampfeinheit von Stamm- und Leiharbeitern!
Vorgestern gab es laut der Zeitung Main-Spitze eine „überraschend schnelle Wende“ in der Frage der Übernahme der Leiharbeiter bei Opel Rüsselsheim. Über seine Media-Homepage verkündete der Stellantis-Konzern die Übernahme von 50 Leiharbeitskollegen unbefristet bei Opel, 100 mit einem Jahresvertrag.
Die Einsatzzeit aller weiteren Kolleginnen und Kollegen wird auf 36 Monate verlängert. Damit ist auch die unmittelbar drohende Abmeldung von rund 160 Kollegen im August zunächst vom Tisch. Nicht jedoch die allgemeine Rechtlosigkeit der Leiharbeitskollegen. Dennoch ist das ein wichtiger Erfolg. Denn bislang verweigerte die Geschäftsleitung der Stellantis-Tochter in Person von Personaldirektor Wangemann, auch nur einen einzigen der über 1.000 Kolleginnen und Kollegen mit Leiharbeitsbeschäftigung zu übernehmen. Noch auf der letzten, „digitalen Betriebsversammlung“ sagte Wangemann, die Geschäftsleitung würde statt Übernahme lieber die Leihbeschäftigung auf 36 oder 48 Monate verlängern. Noch letzten Montag ging die Sitzung der Einigungsstelle dazu ergebnislos zu Ende.
Das hat die Belegschaft nicht akzeptiert. In der Montagehalle K170 versammelten sich 150 Kolleginnen und Kollegen zur Pausenversammlung. Diese Versammlung war über mehrere Wochen von aktiven Kollegen und im Vertrauenskörper vorbereitet worden. Eingeladen war auch Personaldirektor Wangemann. Die Kollegen wollten nicht hinnehmen, in völliger Unsicherheit über ihren Arbeitsplatz in die Werksferien geschickt zu werden. Hinterhältig hatte Opel auch schon begonnen, einzelne Leiharbeitskollegen abzumelden. Die Stimmung war aufgewühlt. Zu Beginn wurde ausgewertet. „Die letzten Male haben wir uns versammelt und festgestellt dass das große Problem die Aufspaltung der Belegschaft ist. Ergebnis: solidarische Grüße an die Belegschaften der Stellantiswerke Wien-Aspern, Ellesmere Port und Ford Saarlouis beschlossen, einstimmig per Handzeichen. „Heute sind wir nicht Opelaner oder Leiharbeiter, heute sind wir eine Belegschaft in einem weltweit arbeitenden Unternehmen. Heute sind wir Arbeiter, international!“
Dann wurde zur Endmontage demonstriert, an der versammelten Bereichsleitung vorbei. Nicht zu überhören, nicht zu übersehen war die Demonstration. Die Parole aus der IG-Metall-Tarifrunde „Leiharbeiter - Übernahme - jetzt sofort“ rief die Demonstration, E-Wagen fuhren mit, Sirene, IG-Metall-Fahne vornedran. In der Endmontage traf der Zug auf Werksleiter Pieter Ruts. Er wurde aufgefordert, Stellung zu nehmen. Ruts versprach “Wir wollen hier alle die Übernahme und haben volles Verständnis für Ihre Sorgen. Auf der Betriebsversammlung wird es ein Ergebnis geben.“
Darüber wurde kontrovers diskutiert: „Wir werden die ganze Zeit hingehalten, einige sind schon abgemeldet“. „Wir wollen heute eine Antwort“. Von allen Seiten bedrohten Vorgesetzte die Kollegen, rechtzeitig wieder am Arbeitsplatz zu sein. Aber noch war Pause. Auch ein Betriebsrat hielt eine Rede. Er sprach vom gemeinsamen Kampf. Seit Wochen waren Leiharbeiter, Kollegen, Vertrauensleute und auch einige IG-Metall-Betriebsräte gemeinsam aktiv, zuletzt am 1. Mai. Dazu passte dann aber weniger, dass er den immer aufgeregteren Vorgesetzten keine Beachtung schenkte, und statt dessen die Gewerkschafter angriff, die moderierten. Offen blieb, was er damit meinte - „Besser wären doch gemeinsam Aktionen“. Wollte da jemand von der Kritik an der Passivität einiger Betriebsräte ablenken?! Aber von diesem Spaltungsversuch ließ sich die Versammlung nicht abhalten. Beschlossen wurde, sich in einer Woche wieder in der Mittagspause zu versammeln. Die Linie wurde wieder angefahren.
In den folgenden Stunden kam es zu Panik-Sitzungen der Geschäftsleitung und Turbo-Verhandlungen mit der Betriebsratsspitze. Nach zwei Stunden (!) wurde im ganzen Werk das Verhandlungsergebnis verkündet. Auf der Spätschicht versammelten sich über 50 Kolleginnen und Kollegen, darunter auch viele Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter. Obwohl sie per E-Mail von ihren Leiharbeitsfirmen mit fristloser Kündigung bedroht wurden, sollten sie an diesen Versammlungen teilnehmen.
Von Gewerkschaftern und Kollegen wurde das Ergebnis diskutiert. Es ist ein großer Erfolg: „Wir haben angegriffen und das erste Tor erzielt. Aber wenn wir uns in die eigenen Hälfte zurückziehen, werden wir auseinandergenommen. Wir müssen uns klar darüber sein, wieviel Angst die Chefs haben, wenn wir angreifen.“ Ein Gewerkschafter sagte: „Das gibt es in keinem Stellantis-Werk, nur in Rüsselsheim, dass Leiharbeiter übernommen werden.“
Aber es gab auch einige Kritiken. „Nur 50, die direkt eingestellt werden. Das ist pro Abteilung einer etwa. Die wollen uns damit auch spalten, jeder soll nur auf sich schauen.“ Andere meinten: „Sehr gut, die Unsicherheit ist weg. Aber das reicht nicht. Die IG Metall macht zu wenig.“ „Dass wir hier einen Erfolg im Kampf erreicht haben, ist ein Ergebnis der aktiven Gewerkschaftsarbeit, von uns allen“, entgegnete ein anderer.“ Der Erfolg der Kampfeinheit von Stamm- und Leihkollegen wird erst nach und nach bewusst. Kontrovers wurde auch über einen nötigen selbständigen Streik diskutiert und dass mehr Lohn gebraucht wird. Mehrheitlich abgestimmt wurde am Ende die Forderung: „Keine weiteren Abmeldungen, Übernahme von allen Leiharbeitern, nächste Versammlung in einer Woche“. Mit Applaus, aber auch nachdenklich, gingen die Kollegen auseinander.
Der Erfolg des heutigen Tages geht weit über die konkreten Zugeständnisse hinaus. Er war ein Erfolg gegen die Spaltung von Stamm- und Leiharbeitern, ein Erfolg gegen antikommunistische Spaltung und Repression. Er zeigt auf, dass selbständig gekämpft werden muss, aber eben auch kann. Der Tag war auch ein Signal gegen den Kurs der rigorosen Arbeitsplatzvernichtung bei Stellantis und in der ganzen Automobilindustrie.
Wir gratulieren den Kolleginnen und Kollegen zu ihrem Erfolg und ihrem Mut mit einem herzlichen Glückauf!
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